Am 24. und 25. Mai gelang uns in den Ostseezugängen die Beobachtung von drei aus Syrien zurückkehrenden Einheiten. Es handelte sich dabei um ein Aufklärungsschiff (AGI) der Moma Klasse, die „Kildin“, der uns bereits bekannte Schwergutfrachter „Sparta IV“ und die „Orekhovo-Zuyevo“, eine Korvette der Buyan-M Klasse.
Insgesamt fünf russische Marineeinheiten verließen am 14./15. Mai das Mittelmeer. Ihnen schloss sich die aus Tartus kommende „Sparta IV“ an, die die Straße von Gibraltar am 17. Mai westgehend passierte. Die zu der Gruppierung gehörenden beiden großen Landungsschiffe „Ivan Gren“ (Typschiff der gleichnamigen Klasse), „Aleksandr Otrakovsky“ (Ropucha Klasse) und der Flottentanker „Kama“ setzten nach der Ärmelkanalpassage ihren Kurs auf ihre Bestimmungshäfen in der Nordflotte fort.
Schon früher scheint die Korvette „Orekhovo-Zuyevo“ die „Sparta IV“ ins Geleit genommen zu haben. „Kildin“, als Aufklärungsschiff ohnehin Einzelfahrer, lief Richtung Skagerrak und weiter in die Ostsee. Sie wurde am 24. Mai in den dänischen Meerengen gesichtet. Das Duo „Orekhovo-Zuyevo“ – „Sparta IV“ folgte am 25. Mai.

Bei den drei in die Ostsee eingelaufenen Schiffen ist nicht nur der zivil wirkende Frachter auffällig. „Orekhovo-Zuyevo“ und „Kildin“ sind zwei Schwarzmeereinheiten der russischen Flotte. Die mit Kalibr-Marschflugkörpern bewaffnete Korvette war im Januar 2022, also kurz vor Kriegsausbruch, ins Mittelmeer verlegt worden (Quellen: russisches Verteidigungsministerium, TASS) und seitdem im syrischen Tartus stationiert. Sie löste ihr Schwesterschiff aus dem Projekt 21631 „Vyshny Volochek“ ab.
Die zum Aufklärungsschiff umgebaute Moma Klasse „Kildin“ ist ein Schiff zur Aufklärung elektronischer Ausstrahlungen (Projekt 861M). Zur Schwarzmeerflotte gehörend war sie seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine quasi dauerstationiert in Tartus und ging ihrem Auftrag im Mittelmeer nach. Relativ unbemerkt war ihr Einsatz im November-Dezember 2021 im Golf von Oman. Im September-Oktober 2023 beunruhigte das 73 Meter lange, 1.560 Tonnen, 1969 bei der Stocznia Polnocna-Werft, Danzig, vom Stapel gelaufene Schiff die Flugzeugträgergruppe CSG 12 um die „USS Gerald R. Ford“ der US Navy.
Auffällige Bewegungen
Die verfügbar gemachten Informationen legen die Folgerung nahe, dass sich das nahezu regelmäßig auf der Route zwischen Tartus und Baltiysk verkehrende Frachtschiff „Sparta IV“ ganz offensichtlich in den Schutz der auf dem Weg in die Ostsee befindlichen Korvette der russischen Marine begab – ein Verhaltensmuster, das wiederholt beobachtet werden konnte. Was wiederum den Verdacht ihrer besonders schützenswerten Ladung fördert. Beide Schiffe erreichten am 27. Mai 2024 Baltiysk, der Militärhafen der Oblast Kaliningrad. Dort machte „Sparta IV“ am Container-Terminal fest, womit sich die Vermutung militärischer Ladung bekräftigt. Nach dem Be-/Entladevorgang wurde der Liegeplatz zehn Stunden später von dem aus anderen Anlässen auffällig gewordenen Ro/Ro-Schiff „Ursa Major“ übernommen. Diese verließ am Folgetag Baltiysk mit Fahrtziel St. Petersburg und befindet sich mit Stand 01. Juni, abends, auf der Kronstadter Reede.
Der aus unserer früheren Berichterstattung bekannte Massengutfrachter „Ursa Major“ lief im März das Kreuzfahrtterminal auf der St. Petersburger Insel Vasilyewski und später eine Stückgutpier mit Schwerlastkränen an. Hernach begab sie sich ins Schwimmdock einer Reparaturwerft im nördlichen Teil der Kanonerskyj Insel. Nun, nach Pendeln zwischen St. Petersburg und Baltiysk, scheint sie sich auf einen nächsten größeren Transport vorzubereiten.
Russische Blockadebrecher – diesmal leichter beladen
Für die 2018 in Dienst genommene „Sparta IV“ ist es die zweite Fahrt mit Militärgütern aus Syrien nach Kaliningrad. Gegenüber der Fahrt im März war sie diesmal mit geringerer Ladung unterwegs. Während damals an Oberdeck drei Containerlagen, sogenannten Tiers, zu beobachten waren, kam sie diesmal mit einem Tier daher. Die geringere Ladung lässt sich auch im geringeren Tiefgang ausmachen.
„Sparta IV“ pendelte bis zu ihrer Märzreise in die Ostsee auf der Route zwischen Tartus, Syrien und russischen Häfen im Schwarzen Meer. Unter ihrem vorigen Namen „Sparta III“ steht die 2009 in Wolgast gebaute „Ursa Major“ auf der Sanktionsliste der USA.
Was die Historie der beiden Schiffe belegt. Laut dem britischen Forschungsinstitut Royal United Services Institute for Defence and Security Studies (besser bekannt als RUSI) können im Jahr 2023 mindestens sechs Reisen der „Sparta IV“ zwischen Tartus und Novorossiysk dokumentiert werden, die der Nachführung militärischen Materials in den Schwarzmeerhafen dienten. Wie aus der Korrelation anderer Beobachtungen der Open Source Intelligence hervorgeht.
Die „Ursa Major“ wiederum machte im Dezember 2023 Schlagzeilen. Sie hatte am 14. November St. Petersburg mit einer Materiallieferung für ein Kernkraftwerk in Bangladesh verlassen. Dessen Regierung verweigerte jedoch das Einlaufen, da das Schiff unter seinem alten Namen „Sparta III“ auf der Sanktionsliste der USA stand. Dhaka wollte sich nicht Repressalien aus Washington ausgesetzt sehen.
Ohnehin stellt der Einsatz beider Schiffe als Transporter militärischer Güter keine Überraschung dar. Die Eigentümerstruktur umfasst sanktionierte russische Verteidigungsunternehmen. Darunter Oboronlogistics LLC, ein in Moskau ansässiges Unternehmen, auf dessen russischem Internetauftritt ein Video zu sehen ist, bei dem das Verladen von militärischen LKWs auf die „Sparta IV“ zu sehen ist. Das Unternehmen steht auf den Sanktionslisten der EU und der USA. Seine fünf Schiffe finden sich auf der Liste Washingtons.
Reduzierte russische Präsenz im Mittelmeer
Die Mittelmeereskadra der Seestreitkräfte der Russischen Föderation ist mit dem Abzug der fünf Marineeinheiten ausgedünnt. Als Kampfeinheiten stehen die Fregatte „Admiral Grigorowitsch“, das U-Boot der Kilo-Klasse „Ufa“, die Korvette der Steregushichy Klasse „Merkuriy“ und der Flottenversorger „Kola“ zur Verfügung. Daneben befinden sich nach wie vor die beiden zur Pazifik-Flotte gehörenden großen Überwasserkampfeinheiten „Vayag“, ein Kreuzer der Slava Klasse, und der Zerstörer der Udaloy Klasse „Marshal Shaposhnikov“ im Mittelmeer. Den bisher aus dem Verteidigungsministerium gemachten Verlautbarungen folgend, sind sie für eine Lateinamerikatour vorgesehen. Zum russischen Marinekräftearsenal im Mittelmeer zählen letztendlich die Anfang Mai zugelaufene „Yaz“ (siehe ESuT.de) und „Vizeadmiral Pamarov“, ein Tanker und ein Hilfsschiff.
Der Abzug der amphibischen Einheiten mag sich auf den sogenannten Libyen-Express ausüben, den Transportweg zwischen Tartus und Libyen. Gegebenenfalls könnten Defizite in der Unterstützung russischer Truppen oder Söldner in Libyen auftreten.
In den öffentlich zugänglichen Lagebildern sind allerdings keine Bewegungen erkennbar, die auf eine Verstärkung der Mittelmeer-Task Force hindeutet.
Ein U-Boot mit Problemen?
„Vizeadmiral Pamorov“, ein Unterstützungsschiff der russischen Marine, erreichte am 20. Mai aus Kronstadt kommend Tartus. Seine erneute Anwesenheit ist insofern von Bedeutung, da dieses Schiff in der Lage ist, russische Marineeinheiten, die sich im Hafen befinden oder im umliegenden Meer operieren, logistisch zu unterstützen. Sie schließt damit annäherungsweise die seit Abzug des Reparaturschiffes PM-82 der Amur Klasse Ende Dezember 2023 bestehende Lücke.
Die als Mehrzweckschiff konzipierte Einheit, die in der russischen Terminologie auch als kleiner Seetanker angeführt wird, Projetbezeichnung 03182, lief im Dezember 2018 vom Stapel und gehört seit seiner Indienststellung im Mai 2021 zur Schwarzmeerflotte, ursprünglicher Heimathafen Sewastopol. Die „Vizeadmiral Pamorov“ ist nach Einschätzung von Fachleuten auch in der Lage, dem in Tartus weilenden U-Boot „Ufa“ zumindest in begrenztem Umfang Unterstützung zu leisten. Technisch-logistische Probleme mögen es an seiner weiteren Verlegung in seine Heimatflotte verhindert haben (hier dazu mehr).
H. Uwe Mergener und Michael Nitz














