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Zeitenwende ist seit dem russischen Angriff auf die Ukraine das bestimmende Wort im sicherheitspolitischen Diskurs in Deutschland – und darüber hinaus. Ausfluss der Zeitenwende ist die wiederholt artikulierte Ambition, die Bundeswehr kriegstauglich im Kontext der Bündnis- und Landesverteidigung zu machen. Die Implikationen dieser Ambition sind umfänglich und in weiten Teilen der Bundeswehr allgegenwärtig. So auch im Einsatzführungsdienst der Luftwaffe.

Der Einsatzführungsdienst gewährleistet mit seinen zwei stationären Gefechtsständen (Control and Reporting Centre, CRC) in Erndtebrück und Schönewalde die Dauereinsatzaufgabe „Sicherheit im Luftraum“ sowohl national als auch im Rahmen der NATO integrierten Luftverteidigung. Diese Dauereinsatzaufgabe wird 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag erfüllt.

Verlegefähig

Zusätzlich zu diesen beiden CRC betreibt die Luftwaffe im Einsatzführungsdienst einen verlegefähigen Gefechtsstand, das so- genannte Deployable Control and Reporting Centre (DCRC). Es bildet qualitativ die gleichen Fähigkeiten wie die stationären Gefechtsstände ab, ist jedoch im Hinblick auf die Anzahl der verfüg- baren Arbeitsplätze konzentrierter und damit kleiner ausgelegt. Die Einsatzgruppe verlegefähig des Einsatzführungsbereichs 3 in Holzdorf/Schönewalde, die das DCRC betreibt, lässt sich im engeren Sinne als System of Systems beschreiben. Sie umfasst eine Vielzahl von organischen Fähigkeiten, die benötigt werden, um das DCRC zu verlegen und im verlegten Einsatz, wenn erforderlich, vollkommen autark – zu betreiben. Neben der Gefechtsstandshülle in Containerbauweise mit dem Gefechtsführungssystem German Improved Air Defence System IV (GIADS IV), einem Kommunikationssystem für Funk und Telefonie, sowie zahlreichen weiteren IT-Systemen gehören auch zwei, perspektivisch drei verlegefähige aktive Radarsysteme (RAT-31 DL/M), das neu beschaffte Passivradar der Luftwaffe, Funkuntermodule mit mehreren Funkgeräten, Weitverkehrsanbindungsmittel (Sat-Com und Richtfunk) sowie auch eine Truppenfeldküche und ein Fuhrpark zur Ausstattung der Einsatzgruppe. Das Deployable Control and Reporting Centre ist und bleibt damit die Speerspitze des Einsatzführungsdienstes.

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Das neue Passivradargerät (©Bw)

Seit der Indienststellung 2006 sind zahlreiche Änderungen am System vorgenommen worden, um Hard- und Software immer auf dem aktuellsten Stand zu halten. Die letzte Obsolenszenzbeseitigung endete unmittelbar vor den Verlegevorbereitungen ins Baltikum im Dezember 2023. Inhalt der Obsolenszenzbesei- tigung waren im Wesentlichen die Erneuerung der Hardware sowie die Einrüstung der neuesten Version des Gefechtsfüh- rungssystems GIADS IV. In einem nächsten Schritt ist beabsichtigt, Link 16 vollends in GIADS IV zu integrieren. Dieser Schritt soll bis Ende 2024 abgeschlossen sein. Die Kombination aus neuer Hard- und Software macht das DCRC zukunftsfähig und zu einem der modernsten Luftverteidigungsgefechtsstände der Welt. Besonders hervorzuheben ist hierbei das entwicklungsbegleitende militärische Expertenteam, das bereits während der Softwareentwicklung wichtige Impulse geben konnte und somit wesentlich dazu beigetragen hat, dass GIADS IV den Anforderungen des Einsatzauftrages und -personals gerecht wird. Perspektivisch werden die stationären Gefechtsstände sowie die Ausbildungseinrichtung und die Softwarepflegeeinrichtung des Einsatzführungsdienstes ebenfalls auf diesen neuen Stand angehoben.

Im Einsatz

Im Hinblick auf Einsätze bietet die Einsatzgruppe verlegefähig mehrere Optionen. Im Kern steht natürlich die Verlegung des Gesamtsystems. Aber auch die Nutzung einzelner Fähigkeiten wie zum Beispiel der aktiven Radargeräte, der Passivradare, der Weitverkehrsanbindungen oder der Truppenfeldküche ist möglich. So leistete die Einsatzgruppe verlegefähig über mehr als drei Jahre durchgängig mit einem verlegefähigen Radargerät einen wichtigen Beitrag im Rahmen des Einsatzes „Counter Daesh/ Capacity Building“ im Irak. Der Einsatzauftrag wurde mit Ablauf des Mandats im Oktober 2023 eingestellt, und es folgte die Rückverlegung bis Ende 2023.

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Im Sommer 2023 lief das neue Passivradargerät der Luftwaffe zu und wurde in Betrieb genommen. Die derzeit drei Stationen eines Systems werden intensiv in Deutschland und im Einsatz getestet. Es bietet perspektivisch eine gute Ergänzung zu den aktiven Radargeräten, insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen sicherheitspolitischen Lageentwicklung.

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Das Deployable Control and Reporting Centre ist verlegfähig und wird in die Datennetzwerke integriert. (©Bw)

Das DCRC mit dem neuen GIADS IV, einem Passivradarsystem sowie zahlreichen weiteren Teilfähigkeiten wurde bereits in den ersten Tagen des Jahres 2024 am Standort Holzdorf/Schönewalde für den Transport ins Baltikum vorbereitet, wo es als Teil des deutschen Einsatzkontingents „Verstärkung Air Policing Baltikum 2024“ eingesetzt wird. In der Hauptsache am Standort das DCRC von April bis Juni einen Beitrag zur NATO integrierten Luftverteidigung im Baltikum und damit zur Umsetzung des Strategischen Konzepts der NATO sowie des Readiness Action Plans.

Schon alleine aufgrund der sicherheitspolitischen Lage ist diese Verlegung anders als vorangegangene Verlegungen in die Regi- on. Aber auch inhaltlich sind die Ambitionen hoch. Neben dem intensiven Testen des Passivradarsystems und dem Einsatz des neuen Gefechtsführungssystems liegt der Fokus auf der Integration in das Überwachungssystem für den baltischen Luftraum sowie in die baltischen Datennetzwerke, in denen Radardaten verarbeitet werden. Weiterhin wird verfolgt, im sogenannten Reverse Reachback aus dem Baltikum den Luftraum über Deutschland zu überwachen und die dazu benötigten Datenverbindun- gen sicher zu etablieren. In der Gesamtheit entstehen daraus neue Handlungsoptionen für die Zukunft und die Einsatzmöglichkeiten auch der stationären NATO-Gefechtsstände.

Weiterentwicklung

Der Blick in die Gegenwart und besonders in die Zukunft macht deutlich, dass eine kontinuierliche Weiterentwicklung des Deployable Control and Reporting Centre und seiner zugeordneten Fähigkeiten notwendig ist, um die immer kürzeren technologischen Zyklen zur beständigen Verbesserung der Befähigung zur Luftraumüberwachung und taktischen Führung von Luftstreitkräften zu nutzen. Die bestehende Fähigkeitsforderung zur „Vollbefähigung und Modularisierung des DCRC“ weist hierbei in Richtung Zukunft. Inhaltlicher Fokus ist, die Kapazität des DCRC deutlich zu erhöhen und gleichzeitig eine wesentlich gesteigerte Skalierbarkeit und Flexibilität durch eine Modularisierung zu erreichen. Im Ziel wird das Centre damit auch unter einer in gegenwärtigen Kriegsbildern zu beobachteten Bedrohungslage insgesamt überlebensfähiger und die Fähigkeit zur taktischen Führung von Luftstreitkräften kann möglichst lange gewährleistet werden.

Ein noch weiterer Blick in die Zukunft lässt erahnen, dass sich Technologien wie Künstliche Intelligenz oder Big Data im (D)CRC der Zukunft sinnvoll nutzen lassen. Bereits heute orchestriert das Einsatzpersonal im Deployable Control and Reporting Centre die Informationsflüsse von den Sensoren zu den fliegenden und bodengebundenen Waffensystemen. Ebenso werden weitere Schnittstellen genutzt und gepflegt, u. a. zu Einheiten der elektronischen Aufklärung, Marine oder dem Bevölkerungsschutz. Hier zeigt sich das Potenzial zur Nutzung als Nukleus der Luftwaffe für einen Multi-Domain Operations-Gefechtsstand.

Oberstleutnant Michael Hanowski ist Referent Führung / Aufklärung NATO / EU und MAG im Kommando Luftwaffe.