In seinem am 22. Mai 2024 herausgegebenen Bericht sieht der Schifffahrtsversicherer Allianz die Zahl der Schiffshavarien auf einem Rekordtief. Die Allianz Safety and Shipping Review 2024 beziffert die Schiffsausfälle im Jahr 2023 auf 26 gegenüber 41 im Jahr 2022, im Zehn-Jahres-Vergleich ein Rückgang um über 70 Prozent. Als häufigste Ursache für Schiffsunfälle nennt der Bericht Maschinenschäden, die im Jahr 2023 weltweit mehr als die Hälfte der Unfälle ausgemacht hätten (1.587).

Grafik: Allianu

Der Verkehr auf den Weltmeeren ist laut Allianz sehr viel sicherer geworden: In den 1990er Jahren gingen im jährlichen Schnitt noch mehr als 200 Schiffe unter. Auch wenn das „sprichwörtlich sinkende Schiff weitestgehend der Vergangenheit anzugehören scheint“, so bleiben andere Gefahren für die Schifffahrt allgegenwärtig: Kriege und Piraten. Gerade die von letzteren ausgehende Gefahr wächst. Verzeichnete der vom International Maritime Bureau (IMB) des ICC herausgegebene Jahresbericht 2023 120 Vorfälle von Seepiraterie und bewaffneten Raubüberfällen auf Schiffe im Jahr 2023 im Vergleich zu 115 im Jahr 2022, so gibt die jüngst zu verzeichnende Zunahme von Übergriffen durch somalische Piraten im Indischen Ozean Anlass zur Sorge. Am 14. Dezember 2023 verzeichnete der IMB-Bericht die erste erfolgreiche Entführung eines Schiffes vor der Küste Somalias seit 2017. Seither häufen sich Meldungen über Pirateriefälle im Indischen Ozean.

Die Entwicklung von Piraterie bleibt beunruhigend, wie ein Vorfall zeigt, der sich am 17. Mai abspielte. Mehr als 360 Seemeilen südsüdwestlich des zu den Kapverdischen Inseln gehörenden Brava ereignete sich ein Piratenangriff auf einen Chemikalientanker. Das Ereignis ist schon allein aus seinem Ort bemerkenswert: mitten im Atlantik und weit entfernt von den üblichen Zentren afrikanischer Piraterie.

Ungefähre Position des Übergriffes im Atlantik. Quelle: ICC – IMB

Auswirkungen geopolitischer Konflikte und ihrer Folgen

Über Piraterie hinaus sieht die Allianz weitere Bedrohungen und Sicherheitsrisiken. Vorfälle wie der Krieg in Gaza verdeutlichen die zunehmende Anfälligkeit der weltweiten Schifffahrt gegenüber geopolitischen Konflikten. Durch die Übergriffe der Huthi im Roten Meer infolge des dortigen Konflikts seien mehr als 100 Schiffe angegriffen worden. Die Beeinträchtigung der Schifffahrt in der Region werde in absehbarer Zukunft bestehen bleiben.

Im Zuge des Ukrainekrieges kommt es zu technologiegestützten Angriffen auf Schifffahrt und Hafeninfrastrukturen wie GPS-Störungen und Cyberangriffen. Die im Zuge der Russland auferlegten Sanktionen gegen Öl- und Gasexporte tragen zu einem beträchtlichen Wachstum einer Schattenflotte von Tankschiffen bei, die nach dem Bericht der Allianz, mittlerweile zwischen 600 und 1.400 Schiffen umfasst. Sie seien „bis heute in mindestens 50 Zwischenfälle verwickelt, darunter Brände, Maschinenausfälle, Kollisionen, Kontrollverlust und Ölverschmutzung“, stellt der Bericht fest. „Es handelt sich zumeist um ältere, schlecht gewartete Schiffe, die außerhalb der internationalen Vorschriften und oft ohne angemessene Versicherung betrieben werden. Dies birgt ernsthafte Umwelt- und Sicherheitsrisiken“, so Justus Heinrich, Leiter der Schifffahrtsversicherung in Deutschland und der Schweiz bei Allianz Commercial.

Risiken durch Umwege

Die Beeinträchtigungen der Schifffahrt in den Gewässern des Nahen Ostens wirkten sich auf den Transitverkehr auf dem Suezkanal aus, der seit Jahresbeginn 2024 um mehr als 40 Prozent eingebrochen sei. Da annähernd zeitgleich Störungen beim Panamakanalverkehr auftraten, gerieten die globalen Lieferketten durch alternative Routenführung und Umwege in Stress. Für die Schifffahrt bestand zudem die Herausforderung, dass Schiffe für ein derartiges Routing nicht geeignet sein können. Infrastrukturen wie Nothäfen sind nicht für jedes Transportmittel ausgelegt. Umleitungen wirken sich auch auf die Umwelt aus. Die Situation im Roten Meer wird bereits als einer der Hauptgründe für den Anstieg der Emissionen im EU-Schifffahrtssektor um 14 Prozent in diesem Jahr genannt.

Dabei trägt die Schifffahrt jährlich mit etwa drei Prozent zu den weltweiten Treibhausgasemissionen bei. Womit die Allianz in der Dekarbonisierung eine weitere Herausforderung für die Branche sieht. Parallel zum Auslaufen der fossilen Brennstoffe ist die Infrastruktur zu entwickeln, die die den Betrieb von Schiffen mit alternativen Kraftstoffen ermöglicht. Wobei der Umgang mit ihnen für Hafenbetreiber und Schiffsbesatzungen risikolos sein muss.

Nach Heinrich wird „die Erhöhung der Werftkapazitäten von entscheidender Bedeutung sein, da die Nachfrage nach umweltfreundlicheren Schiffen zunimmt. Diese Kapazitäten sind derzeit durch lange Wartezeiten und hohe Baupreise begrenzt“. Ihm zufolge müssen bis 2050 jährlich über 3.500 Schiffe gebaut oder umgerüstet werden. Demgegenüber habe sich die Zahl der Werften zwischen 2007 und 2022 mehr als halbiert.

Hans Uwe Mergener