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Das Büro des ungarischen Kommissars für Rüstungsangelegenheiten, Gáspár Maróth, hat bekanntgegeben, dass die ungarische Luftwaffe im Rahmen der Modernisierung ihrer Flugzeuge des Typs JAS 39 Gripen den Luft-Luft-Lenkflugkörper IRIS-T beschafft. Der Kauf der IRIS-T ist Teil eines umfassenden Modernisierungsprogramms für das Jagdflugzeug der vierten Generation, zu dem sich die ungarischen Streitkräfte im letzten Sommer entschieden hatten.

Die ungarische Luftwaffe betreibt seit 2006 eine Flotte von insgesamt zwölf Einsitzern des Typs SAAB JAS 39EBS HU und zwei Doppelsitzer JAS 39EBS HU. Das Akronym EBS steht für Export Baseline Standard und bezeichnet die an die Anforderungen des Exportes bzw. der NATO angepasste JAS 39C/D des schwedischen Herstellers. Als Luft-Luft-Bewaffnung dienen zurzeit die von Diehl BGT Defence (seit 2017 Diehl Defence) in Lizenz gefertigten AIM–9L Sidewinder und die aus der Produktion von Raytheon Technologies stammenden AIM–120 AMRAAM-Flugkörper. Die Ablösung der 14 Jagdflugzeuge, deren Leasingvertrag 2026 ausläuft, war seit geraumer Zeit Gegenstand eines Fachdiskurses.

Zwischenzeitlich sahen Kenner der Branche die Lockheed Martin F-35 Lightning II als eine überaus kostspielige Option für einen möglichen Nachfolger. Den Spekulationen setzte die im September dieses Jahres erfolgte Ankündigung Ungarns ein Ende, wonach man sich mit SAAB auf eine umfangreiche Modernisierung geeinigt habe. Das unter der Bezeichnung MS20 Block II laufende Vorhaben schließt mehrere Projektfelder in den unterschiedlichsten Bereichen ein. So ist bereits ein umfangreiches Softwareupdate beschafft worden. In Zukunft soll die JAS 39-Gripen-Flotte im Bereich der Mittelstrecken Luft-Luft- Fähigkeit (Beyond-Visual-Range Air-to-Air Missile / BVRAAM) und der Luft-Boden-Bewaffnung weiterentwickelt werden. Die nun erfolgte Ankündigung zeigt jedoch, dass auch die Weiterentwicklung der Luft-Luft Bewaffnung im Nah- und Nächstbereich eine hohe Priorität genießt.

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Im Gegensatz zu der aktuell vorhandenen AIM–9L Sidewinder verfügt die hoch manövrierfähige Infra Red Imaging System Tail/Thrust Vector-Controlled (IRIS-T) Luft-Luft-Lenkwaffe neben einer konventionellen aerodynamischen Hecksteuerung über eine Schubvektorsteuerung. So ist der Flugkörper laut Hersteller in der Lage auf engstem Raum 180° Wenden zu fliegen. In Verbindung mit dem hochempfindlichen und in Bezug auf Gegenmaßnahmen gehärteten Suchkopf ist die IRIS-T dazu befähigt, rund um das verschießende Luftfahrzeug herum Ziele mit hoher Trefferwahrscheinlichkeit anzugreifen, ohne dass sich die Startplattform zum Ziel ausrichten muss. Zur Zielzuweisung dient neben dem Bordradar auch ein im Helm integriertes Visier und beim Eurofighter Typhoon der Raketenwarner. Die angesprochenen Helmvisiere werden in Zukunft ein Nachrüstelement für die ungarischen JAS 39 Gripen darstellen.

Mit der Beschaffung der IRIS-T gewinnt die ungarische Luftwaffe eine Fähigkeit zurück, welche mit der Ausmusterung der Mig-29B und der dazugehörigen R-73 Flugkörper Ende des Jahres 2010 verloren ging. Interessanterweise ergibt sich hier eine Parallele zur Bundeswehr. Die Luftwaffe erhielt mit der Wiedervereinigung MiG-29A der Luftstreitkräfte der Nationalen Volksarmee samt Flugkörpern des Typs R-73. Die damals durchgeführten Versuche mit dem integrierten Helmvisier und der R-73 stellten die Überlegenheit des sowjetischen Flugkörpers gegenüber der AIM-9L/M der NATO heraus und gaben einen deutlichen Impuls für die Entwicklung der IRIS-T.

Kristóf Nagy