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Vor einiger Zeit wurden im Rahmen einer nächtlichen Parade in Pjönjang eine Reihe neuer gepanzerter Fahrzeuge vorgestellt – darunter neun Kampfpanzer eines neuen Typs. Die Konturen von Turm und Wanne lassen bei einem ersten Blick den Schluss zu, dass es sich bei dem Fahrzeug (vorübergehende Bezeichnung: M-2020) um einen völlig neuen Kampfpanzer handelt. Bei einer näheren Betrachtung und Analyse einiger Einzelheiten (soweit erkennbar) tauchen jedoch Zweifel und Fragen auf, ob es sich tatsächlich um eine völlige Neukonstruktion handelt.

Feuerkraft

Es sollte in der heutigen Zeit davon ausgegangen werden, dass der KPz über eine 125 mm Glattrohrkanone und einen dazugehörigen Ladeautomaten verfügt. Dies würde eine 2-Mann-Turmbesatzung bedeuten.

In dem Zusammenhang stimmt allerdings die Anordnung der Optiken nachdenklich:
Auf dem rechten Turmdach befindet sich vor dem Kommandanten-Rundblickperiskop noch ein weiterer Ausblickkopf (mglw. vom Hauptzielgerät des RiSch). Davor ist ein Winkelspiegel erkennbar. Die Anordnung der Zielmittel auf der rechten Seite des Turmdachs lässt darauf schließen, dass im Turm rechts neben der Hauptwaffe zwei Besatzungsmitglieder platziert sind. Dies würde das Vorhandensein eines Ladeautomaten in der bekannten Konfiguration ausschließen. Bis exakte Kenntnisse vorliegen, muss in die die Überlegung miteinbezogen werden, dass der neue KPz noch evtl. über die ältere 115 mm-Glattrohrkanone (vom T-62) verfügt – und somit eine 3-Mann-Turmbesatzung aufweist.

Im Hinblick auf die Waffenwirkleistung wäre die Verwendung der 115 mm-Glattrohrkanone ein Rückschritt. Als möglichen Grund könnte dafür in Betracht kommen, dass in Nordkorea noch reichlich Vorräte an 115 mm – Waffen und Munition vorhanden sind. Möglicherweise spielen auch weitere Kostengesichtspunkte eine Rolle.

Auf der linken Seite des Turmdachs ist ein kleiner Ausblickopf erkennbar. Hierbei könnte es sich um eine Kamera für das Turmzielfernrohr des Richtschützen handeln. Durch die Verwendung einer Kamera konnte ein Durchbruch (und  damit eine Schwächung) der Turm-Frontpanzerung auf der rechten Seite vermieden werden. Rechts neben der Blende befindet sich in der Turmfrontpanzerung ein Durchbruch – dieser könnte für das achsparallele Blenden-MG dienen.

Offenbar verfügt der neue KPz über eine moderne Feuerleitanlage (FLA) – dafür sprechen:

  • relativ große Ausblickköpfe mit zwei Fenstern (Tagsicht-/WBG), (dabei stellt sich die Frage: wo bekommt Nordkorea die Wärmebildtechnologie her ?),
  • Waffe mit Feldjustieranlage,
  • Sensormast im Turmheck mit relativ großem Durchmesser),
    (dieser könnte auch zur Aufnahme von Laser-Warnsensoren dienen).

Auf der rechten Seite des Turmes befindet sich ein Zwillingsstarter für LFK – evtl. Nachbau der russischen KORNET. Daraus könnte geschlossen werden, dass Hauptwaffe und Feuerleitung nicht in der Lage sind, einen rohrverschießbaren LFK zu verschießen.

Die Rundumsicht (mit 1:1 Sichtmitteln) ist für den Kommandanten durch die zahlreichen Aufbauten auf dem Turmdach stark eingeschränkt. Vermutlich verfügt der KPz über ein Kamerasystem, welches eine 360-Grad-Rundumsicht ermöglicht. Hierzu könnten die zwei kleinen Masten vor den beiden Luken dienen. Ein dritter Kamera-Mast kann im Turmheck vermutet werden.

Beweglichkeit

Das Fahrwerk verfügt über 7 Laufrollen. Bislang hatten alle nordkoreanische KPz sechs (in Anlehnung an T-72), bzw. fünf (in Anlehnung an T-62) Laufrollen. Somit könnte das Fahrwerk eine Neukonstruktion sein. Die zusätzliche Laufrolle (= größere Wannenlänge) könnte von einer voluminöseren Bugpanzerung herrühren.
Die Kette zeigt äußerlich eine moderne Endverbinderkonstruktion.

Interessanterweise gibt es nur auf der linken Seite des Wannenhecks einen Abgasaustritt. Dies lässt auf die Verwendung eines 12-Zyl.- Motors russischer Bauart in Quereinbau schließen. Immerhin leistet die modernste Version (V 92 S) über 735 kW / 1000 PS.

Dem Fahrer stehen offenbar nur zwei kleine Winkelspiegel zur Verfügung. Damit ergibt sich ein relativ kleines Sehfeld – sowohl im vertikalen Bereich – wie auch nach links und rechts  – was sich ungünstig auf die Beweglichkeit beim Fahren unter Luke auswirkt! Es ist nicht erkennbar, ob ein Winkelspiegel gegen ein Nachtsehgerät ausgetauscht werden kann. Ein Kamerasystem für den Fahrer ist im Bereich des Wannenbugs auch nicht erkennbar.

Der neue nordkoreanische KPz M-2020 in der Seitenansicht. Durch die in der Turmpanzerung eingelassenen Werferrohre für das abstandsaktive Schutzsystem entstehen in diesen Bereichen erhebliche ballistische Fenster. (www.dprk360.com)

Überlebensfähigkeit / Schutz

Der neue KPz dürfte in den Front- und Seitenpartien im Bereich des Kampfraumes vermutlich über eine Sonderpanzerung verfügen. Der vordere Teil des Fahrwerks ist seitlich durch eine ca. 100 mm starke Panzerung abgedeckt. Es kann aus den Bildern nicht eindeutig definiert werden, ob es sich um eine passive oder reaktive (ERA) Panzerung handelt. Möglicherweise sind bei diesen frühen Modellen auch noch mock-ups verbaut. (So lässt die Dimensionierung der Scharniere an dem ersten Element der Laufwerksschürze darauf schließen, dass hier keine größeren Gewichtskräfte aufgenommen werden können).

Im Turm sind für die Wirkung nach vorne und zur Seite pro Seite 2 x 3 große Werferrohre vorhanden. Diese Anordnung hat teilweise Ähnlichkeit mit dem russischen System „Afghanit“ auf dem KPz T-14 Armata. Die dazugehörigen (Radar-) Antennen könnten sich in den beiden Kästen oberhalb der vorderen Werferrohre und in den Kästen an der Turmseite oberhalb der seitlichen Werferrohre befinden (ähnlich dem System „Trophy“). Bei chinesischen KPz wurde bereits vor einigen Jahren der Einsatz von abstandsaktiven Schutzsystemen für Versuchszwecke beobachtet. Möglicherweise hat Nord Korea Zugang zu der notwendigen soft-ware mit hoher Rechenleistung (hohe Datenraten) aus China erhalten. Im Bereich der Werfer ist unter der Aussenwand ein Hohlraum erkennbar. Dies lässt den Schluss zu, dass die äussere Turmwand (zumindest partiell) nur als eine Blechkonstruktion (ähnlich wie bei T-14) ausgelegt ist.

Bei einigen Fotos ist ein Blick auf die innere Unterkante des Turmes möglich. Hier ist keine Schweißkonstruktion, sondern eine runde Form (wie bei einem Gussturm) erkennbar. In dem Zusammenhang müsste der Frage nachgegangen werden, ob der Grundturm des neuen KPz aus der Reihe T-72 bzw. T-62 stammt und dann lediglich überpanzert, bzw. verkleidet wurde. Durch die in den Turmseiten eingelassenen Werferrohre für das abstandsaktive Schutzsystem würden erhebliche ballistische Fenster im Panzerschutz entstehen!

Die Fahrerluke ist extrem dünnwandig ausgelegt. Dies lässt die Vermutung zu, dass es sich bei dem gesamten Wannenaufbau um ein mock-up handelt. Diese Vermutung wird auch dadurch erhärtet, weil die gesamte obere Bugplatte eine extrem glatte Oberfläche aufweist. Da keine Einzelelemente erkennbar sind, dürfte hier keine Reaktivpanzerung verbaut sein – sondern allenfalls die Andeutung einer Mehrschicht-Sonderpanzerung.

Die gesamte Länge des Fahrwerks ist im unteren Bereich durch eine Schürze aus elastischem Material (Gummi- oder Gummi mit Gewebeeinlagen) abgedeckt. Zweck dürfte die Reduzierung der Staubentwicklung und ggf. eine Reduzierung der IR- und Radarsignatur sein.

Die Blende wurde bei östlichen KPz seit Anbeginn sehr klein, bzw. schmal ausgeführt; Ausblicke für das TZF und das achsparallele MG wurden in die benachbarte Turmfront, bzw. auf  das Turmdach verlegt. Diese Lösung weist Vorteile bezgl. des ballistischen Schutzes auf. Allerdings ist ein Waffenausbau nach vorn nicht mehr möglich und somit sehr zeitaufwändig. Bei neueren russischen Rohrkonstruktionen (mit Bajonettkämmen; eingebaut im T-90) kann zumindest das Rohr durch das schmale Turmmaul nach vorn ausgebaut werden.

Auf dem Turmdach ist (insbesondere vor der linken Luke) eine Art Bomblet-Schutz – mit einer Aufbau Dicke von ca. 80 mm erkennbar. Auch hierbei könnte es  sich aufgrund der glatten Oberfläche möglicherweise um eine mock-up-Konstruktion handeln.

Seitlich im Bereich des Turmhecks sind pro Seite vier Werferrohre in einer Art Turmkorb erkennbar. Hierbei dürfte es sich um Teile einer Nebelmittel-Wurfanlage handeln. Die Ausstattung des Fahrzeugs mit 2 x 4 Werferrohren lässt die Abgabe einer Folgeschuss-Salve allerdings nicht zu.

Schlussbemerkung

Sofern die erkennbaren Komponenten des neuen KPz funktionieren und ein zeitgemäßes Leistungsniveau aufweisen, müsste der neue KPz M-2020 als eine absolut anerkennenswerte Leistung der nordkoreanischen Panzerindustrie beurteilt werden. Es ist davon auszugehen, dass es sich bei den gezeigten Panzern um Prototypen handelt. Es bleibt abzuwarten, ob eine Serienfertigung folgen wird, da bei dem KPz M-2020 gegenüber den Vorgängermodellen ein deutlich höherer Stückpreis zu erwarten ist (sofern alle erkennbaren, modernen Komponenten als funktionsfähige und leistungsfähige Baugruppen ausgeführt würden).

Nach der Phase der (z T erheblichen) Modernisierung und Kampfwertsteigerung der russischen KPz T-62 und T-72 könnte der neue KPz auf eine zunehmende Eigenständigkeit der nordkoreanischen Panzerindustrie hindeuten (neues Fahrwerk, neue optronische Ausstattung; abstandsaktives Schutzsystem usw.). Eine vergleichbare Entwicklung hat die chinesische Panzerindustrie hinter sich gebracht. Es kann daher vermutet werden, dass die nordkoreanische (Panzer-) Industrie bei high-end-Produkten (z B  WBG; DV, soft-ware usw.) eine relativ großzügige Unterstützung aus China erhält. Andererseits lässt die äußere Gestaltung vieler Komponenten Fragen und Zweifel aufkommen, ob es bei den Bauteilen in Wirklichkeit nicht um Nachbildungen (mock-ups) handelt. Eine eindeutige Antwort auf diese Fragen wird erst im Laufe der Zeit möglich sein, wenn belastbare und aussagekräftige Erkenntnisse über den KPz M-2020 vorliegen.

Rolf Hilmes