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Bei den Feierlichkeiten zum 75. Geburtstag der Staatspartei am 10. Oktober 2020 in Pjöngjang hat die Regierung Nordkoreas in einer im Staatsfernsehen übertragenen Militärparade die Ausrüstung der Streitkräfte vorgeführt. Neben vielen eingeführten Waffensystemen waren u.a. neun Exemplare eines offensichtlich in Nordkorea entwickelten neuen Kampfpanzers zu sehen, der im Westen als M-2020 bezeichnet wird. Panzerexperte Rolf Hilmes hat die Bilder, Berichte und verfügbaren Dokumente ausgewertet.

Feuerkraft

Es sollte davon ausgegangen werden, dass das Fahrzeug über eine 125 mm Glattrohrkanone inkl. dem entsprechenden Karussell-Ladeautomaten verfügt. Dies würde eine Zwei-Mann-Turmbesatzung bedeuten. In dem Zusammenhang stimmt allerdings die Anordnung der Optiken nachdenklich: Auf dem Turmdach rechts befindet sich neben dem Rundblickperiskop für den Kommandanten ein weiterer Ausblickkopf (möglicherweise vom Hauptzielgerät des Richtschützen). Davor ist ein Winkelspiegel erkennbar. Daher muss in die Überlegung einbezogen werden, dass der neue Kampfpanzer über die ältere 115 mm-Glattrohrkanone (vom T-62) verfügen könnte. Diese Konfiguration erfordert einen Richtschützen auf der rechten Seite im Turm und lässt keinen Ladeautomaten zu. Das wäre im Hinblick auf die Waffenwirkleistung ein Rückschritt. Gründe dafür könnten noch reichlich vorhandene (Fertigungs-) und Lagerkapazitäten/Vorräte an 115-mm-Waffen und -Munition und vielleicht auch Kostengesichtspunkte sein.

Bezüglich des Waffenkalibers (125 oder 115 mm) müssten nochmals genauere Betrachtungen zur Konstruktion von Rauchabsauger und Wärmeschutzhülle angestellt werden.

Gegen einen Richtschützen auf der rechten Turmseite spricht die Anordnung eines Ausblickkopfes (Turm-Zielfernrohr wie Leopard 2 A5 ff.) auf dem Turmdach links neben der Hauptwaffe. Offenbar verfügt der neue Kampfpanzer über eine moderne Feuerleitanlage (FLA). Dafür sprechen die relativ großen Ausblickköpfe mit zwei Fenstern (Tagsicht/WBG), die Waffe mit Feldjustieranlage und der Sensormast mit relativ großem Durchmesser auf dem Turmdach hinten. Eine offene Frage ist, von wem Nordkorea ein Wärmebildgerät bezieht.

Auf der rechten Seite des Turmes befindet sich ein Zwillingsstarter für Lenkflugkörper (LFK) – evtl. für einen Nachbau der russischen Kornet. Daraus könnte geschlossen werden, dass Hauptwaffe und Feuerleitung nicht in der Lage sind, einen Lenkflugkörper aus dem Kanonenrohr zu verschießen. Auf den verfügbaren Bildern sind 1:1 Sichtmittel (Winkelspiegel) für den Kommandanten im Bereich der Kommandanten-Luke in 12-Uhr-Richtung nicht erkennbar.

Beweglichkeit

Das Fahrwerk verfügt über sieben Laufrollen. Bislang hatten alle nordkoreanische Kampfpanzer sechs (in Anlehnung an T-72), bzw. fünf (in Anlehnung an T-62) Laufrollen. Somit könnte das Fahrwerk eine Neukonstruktion sein. Die zusätzliche Laufrolle weist auf eine verlängerte Wanne hin, die von einer voluminöseren Bugpanzerung herrühren könnte. Die Kette zeigt äußerlich eine moderne Endverbinderkonstruktion.

Interessanterweise gibt es nur auf der linken Seite des Wannenhecks einen Abgasaustritt. Dies lässt auf die Verwendung eines Zwölf-Zylinder-Motors russischer Bauart in Quereinbau schließen. Die modernste Version dieser Motoren (V 92 S) leistet über 735 kW / 1.000 PS.

Dem Fahrer stehen offenbar nur zwei kleine Winkelspiegel zur Verfügung. Damit ergibt sich ein relativ kleines Sichtfeld – sowohl im vertikalen Bereich – wie auch nach links und rechts – was sich ungünstig auf die Beweglichkeit beim Fahren unter Luke auswirkt. Es ist nicht erkennbar, ob ein Winkelspiegel gegen ein Nachtsichtgerät ausgetauscht werden kann. Ein Kamerasystem für den Fahrer ist im Bereich des Wannenbugs auch nicht erkennbar.

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Überlebensfähigkeit / Schutz

Der neue Kampfpanzer dürfte in den Front- und Seitenpartien im Bereich des Kampfraumes vermutlich über eine Sonderpanzerung verfügen. Der vordere Teil des Fahrwerks ist durch eine ca. 100 mm starke Panzerung abgedeckt. Es kann aus den Bildern nicht eindeutig geschlossen werden, ob es sich um eine passive oder reaktive (ERA) Panzerung handelt. Möglicherweise sind bei diesen frühen Modellen auch noch mock-ups verbaut. Im Bereich der Werfer für ein abstandsaktives Schutzsystem ist unter der Außenwand ein Hohlraum erkennbar. Dies lässt den Schluss zu, dass die äußere Turmwand (zumindest partiell) nur als eine Blechkonstruktion (ähnlich wie bei T-14) ausgelegt ist. Selbst im Vergleich zum T-72 ist die Fahrerluke extrem dünnwandig ausgelegt.

Bemerkenswert ist ein Blick auf die innere Unterkante des Turmes. Hier ist keine Schweißkonstruktion, sondern eine runde Form (wie bei einem Gussturm) erkennbar. In dem Zusammenhang müsste der Frage nachgegangen werden, ob der Grundturm des neuen Kampfpanzers aus der Reihe T-72 bzw. T-62 stammt und dann überpanzert wurde.

Die gesamte Länge des Fahrwerks ist im unteren Bereich durch eine Schürze aus elastischem Material (Gummi- oder Gummi mit Gewebeeinlagen) abgedeckt. Zweck dürfte die Reduzierung der Staubentwicklung und ggf. eine Reduzierung der IR- und Radarsignatur sein.

Die Blende wurde bei russischen Kampfpanzern von Anfang an sehr klein/schmal ausgeführt; Ausblicke für das Turmzielfernrohr (TZF) und das achsparallele Maschinengewehr wurden in die benachbarte Turmfront verlegt. Diese Lösung weist Vorteile bezgl. des ballistischen Schutzes auf. Allerdings ist ein Waffenausbau nach vorn nicht mehr möglich und somit sehr zeitaufwändig. Bei neueren russischen Rohrkonstruktionen (mit Bajonettkämmen) kann zumindest das Rohr durch das schmale Turmmaul nach vorn ausgebaut werden.

Im Gegensatz zu den früheren russischen (und nordkoreanischen) Konstruktionen wurde der Ausblick des Turmzielfernrohrs auf das Turmdach (links von der Hauptwaffe) verlegt (wie bei Leopard 2 A 5 ff.). Die Öffnung für das achsparallele Maschinenegewehr befindet sich weiterhin links im Bereich der Turmfront und stellt prinzipiell ein ballistisches Fenster dar. Auf dem Turmdach ist (insbesondere vor der linken Luke) eine Art Bomblet-Schutz mit einer Aufbau Dicke von ca. 80 mm erkennbar.

Die Ausstattung des neuen nordkoreanischen Kampfpanzers mit einem abstandsaktiven Schutzsystem (APS) ist offensichtlich. Hierzu könnten die drei kleinen Sensormasten auf dem Turmdach (Laser-Warn-Sensoren?) dienen. (Möglicherweise handelt es sich aber auch um Masten für Kameras.) Darüber hinaus sind an den beiden Turmseiten zwei Kästen mit jeweils 2 x 5 kleinen Öffnungen erkennbar. Auch wenn die Funktion dieser Kästen ist nicht klar erkennbar ist, kann vermutet werden, dass es sich um Sensoren für die frontal ausgerichteten Effektoren eines abstandsaktiven Schutzsystems handeln könnte.

Auch ist an der linken Turmseite im hinteren Teil ein weiterer Kasten (oberhalb der hinteren Werfer-Gruppe) erkennbar, dessen Funktion unbekannt ist. Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass es sich bei einigen Anbauteilen um mock-ups zur Verwirrung ausländischer Beobachter handelt.

Pro Turmseite sind acht Werfer im Kaliber ca. 80 mm erkennbar (Form ähnlich wie bei T-14). Es kann zurzeit noch keine Aussage zu der Art der Effektoren gemacht werden (hard-kill oder soft-kill). Aus der Anordnung der Werfer (insbesondere im hinteren Turmbereich) könnte die Vermutung geäußert werden, dass es sich um Werfer u.a. für eine Nebel-/Aerosol-Wolke handelt.

Schlussbemerkung

Sofern die erkennbaren Komponenten des neuen Kampfpanzers funktionieren und ein zeitgemäßes Leistungsniveau aufweisen, ist das Fahrzeug eine absolut anerkennenswerte Leistung der nordkoreanischen Panzerindustrie. Nach der Phase der (z T erheblichen) Modernisierung und Kampfwertsteigerung der russischen Kampfpanzer T-62 und T-72 könnte der neue Panzer auf eine zunehmende Eigenständigkeit der nordkoreanischen Panzerindustrie hindeuten (neues Fahrwerk, neue optronische Ausstattung). Eine vergleichbare Entwicklung hat die chinesische Panzerindustrie hinter sich gebracht. Es kann angenommen werden, dass die nordkoreanische Industrie bei high-end-Produkten (z B WBG; DV, Software usw.)  Unterstützung aus China erhält.

Rolf Hilmes