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Die Einführung eines Waffensystems ist immer eine Herausforderung, umso mehr, wenn die Beschaffungsentscheidungen noch nicht in trockenen Tüchern sind – wie im Falle des Multi Role Frigate Helicopter (MRFH) NH90 Sea Tiger.

Am 1.Oktober 2021 wird die 3. Fliegende Staffel des Marinefliegergeschwaders 5 in Nordholz einen runden Geburtstag der besonderen Art feiern: Sie wird auf 40 Jahre Bordflugbetrieb von Fregatten der Deutschen Marine zurückblicken können und so sehr die Erinnerungen der Einschiffungen auf dem Erdball verstreut sind, so sehr sind sie nur von einem Flugmuster geprägt worden, der Sea Lynx Mk88 und ihrer modifizierten Version der Mk88A. Da es der letzte Runde Geburtstag der 3. Fliegenden Staffel mit diesem Waffensystem sein wird, werden die Gespräche sich sicherlich auch um den Nachfolger, den Multi Role Frigate Helicopter (MRFH) NH 90 Sea Tiger drehen. Schon jetzt wird das neue Waffensystem mit einer Mischung aus Vorfreude, Neugier und Respekt in der Einsatzstaffel erwartet.

Bordhubschrauber – die Schweizer Taschenmesser der Fregatten seit 1981

Um die Besonderheit des Bordflugbetriebs zu verstehen, muss man sich die Breite des Aufgabenspektrums vor Augen führen, welches bisher durch die Lynx abgedeckt werden musste. Die Aufträge an Bord reichen vom banalen Personal- und Materialtransport (liebevoll: „Taxiflüge“) über das Absetzen von Boarding-Teams auf unbekannten Dhows am Horn von Afrika hin zum Einsatz als abgesetzter Sensor und Waffenträger eines taktischen Schiffsverbandes im Nordatlantik. Was an Land in einer Vielzahl von Waffensystemen ausdifferenziert geleistet werden kann, muss von einem Bordhubschrauber dargestellt werden können.

Die Auswahlentscheidung für den NH90 auch als Bordhubschrauber ist gefallen – hier ein Sea Lion NH90 NTH; dringend ist nun die Einleitung der Beschaffung

Im Mittelpunkt: der Mensch

Für all diese Aufgaben musste bisher eine feste Crew-Konstellation bestehend aus zwei Hubschrauberführeroffizieren und einem Hubschrauberortungsmeister herhalten, so auch für die herausforderndste Aufgabe: die U-Bootjagd im hochintensiven Gefecht.

Sei es der steuerführende Pilot, der von Hand schnellstmöglich den Hubschrauber in die nächste Sonar-Horch-Station bringen und unter allen Umständen halten muss oder der Hubschrauberortungsmeister, der versucht, in kürzester Zeit verlässliche Aussagen über das Unterwasserlagebild geben zu können. Der zweite Hubschrauberführeroffizier muss als Tactical Coordinator (TacCo (light)) vom linken Sitz an der Flugsteuerung vorbei die aufbereiteten Informationen des Hubschrauberortungsmeisters mit dem Radarlagebild und dem Bild des Forward Looking Infrared (FLIR) übereinander bringen. Beide Bilder sind auch heute noch nur abwechselnd auf einem Bildschirm anwählbar, der die volle Farbpalette „Grün-Dunkelgrün-Schwarz“ nutzt. Wenn der TacCo dann dieses Lagebild in seinem Kopf fertig hat, muss er es an den Verband in Ermangelung eines taktischen Datenlinks verbal übermitteln. Ausnahmen sind nur die Übergänge in den und aus dem Schwebeflug, hier muss er priorisiert den steuerführenden Piloten unterstützen, da sowohl Getriebe- als auch Triebwerkssteuerung und -überwachung seit 1981 nicht fortentwickelt wurden.

An dieser Stelle wird bereits deutlich, wie sehr die technologische Weiterentwicklung und damit die neuen Einsatzmöglichkeiten des NH 90 die Rolle der Operateure verändern werden. Aufgrund der hohen Systemintegration und -automation, die der MRFH anbietet, werden die Piloten bei der reinen Durchführung des Streckenfluges und der Überwachung der flugtechnischen Systeme entlastet. Gleichzeitig steigt die taktische Datenmenge, die der NH 90 zur Verfügung stellt, exponentiell. Stellte die Lynx ein Radarlagebild, ein FLIR-Bild und je nach Auftrag ein Sonarbild oder Daten des stand-alone AIS-Rechners (AIS – Automatic Identification System, ein System automatischer Identifizierung von Schiffen) vor den Knien des Hubschrauberortungsmeisters zur Verfügung, werden im NH-90 Daten der Laser-Entfernungsmessung, einer bildgebenden Option des Radars und der ESM-Anlage (ESM – Electronic Support Measures – elektronische Unterstütungsmaßnahmen. Dabei geht es um das Erfassen und Auswerten elektromagnetischer Ausstrahlungen) zur Verfügung gestellt. Wobei zudem die Leistung der einzelnen Sensoren deutlich gesteigert ist – gemessen am Vorgänger. Der Zugewinn an Quantität und Qualität der Daten wird aus Sicht der 3. Staffel so hoch sein, dass die Integration in einem Missionssystem nicht ausreichen wird, um die Arbeitslast der Operateure zu senken. Folglich ist es unabdingbar, die Aufbereitung der Daten deutlicher von der darauf basierenden Entscheidungsfindung zu trennen. Im Klartext: Aus unserer Sicht müssen zwei hauptamtliche Sensor-Operateure in der Kabine die gelieferten Rohdaten auswerten und in das Missionssystem einspeisen. Der TacCo würde dann die externe Lage mit der eigenen übereinander bringen, um den Kopf frei zu haben für seine Entscheidungsfindung. Da aber auch im NH90 die Arbeitsplätze der Besatzung begrenzt sein werden, erhöht dies wiederum die Arbeitslast auf den fliegenden Piloten. Wegen der unterschiedlichen Einsatzprofile wird es unerlässlich, ein flexibles Besatzungskonzept zu entwickeln, bei dem sowohl eine Single-Pilot Flugdurchführung denkbar ist als auch ein Einsatz mit zwei Piloten. Diese Überlegungen scheinen sich jedoch noch nicht überall durchgesetzt zu haben.

Das Kerngeschäft – die U-Jagd

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Die Marine wird in Zukunft den NH90 in der Version Transporthubschrauber und Bordhubschrauber fliegen; einen Tag nach Aufnahme des Flugbetriebes erweist ein Sea Lion bei der Indienststellung der Fregatte „Nordrhein-Westfalen” seine Referenz (Fotos: Bundeswehr)

Abgesehen von der internen Art und Weise zu arbeiten, verschoben sich im Hauptaufgabenfeld der Anti-Submarine Warfare (ASW) die Kräfteverhältnisse zwischen Jäger und U-Boot zu letzterem. Trotz der Verbesserungen, die die klassischen Sensoren, rumpfmontiertes Sonar (hull mounted sonar), Tauchsonar und einzelne Sonarbojen erfahren haben, konnten sie den Reichweitenvorteil, den sich die U-Boote erarbeitet hatten, nicht ausgleichen.

So ist das mittelfrequente Tauchsonar der Lynx zwar hervorragend für eine punktuelle, eingehende Untersuchung mit anschließender Klassifikation eines Kontakts geeignet. Sein Einsatz im Verbund mit einer Fregatte, die über ein rumpfmontiertes Sonar verfügt, gleicht aber in der modernen U-Jagd, die weitreichende Sensoren zum Einsatz bringt, einer sehr teuren Form von Topfschlagen. Die Entwicklungen in jüngerer Vergangenheit in der Bi- und Multistatik (modernes Ortungsverfahren, bei dem zwei oder mehrere Sonargeräte im technischen Verbund arbeiten ) sollten zwar zu einem Ausgleich im Kräfteverhältnis der Kontrahenten führen, doch wird aus Sicht der Nutzer dies im Sea Tiger noch nicht ausreichend berücksichtigt. Letzterer soll zum jetzigen Zeitpunkt mit einem tieffrequenten Sonar und Sonarbojen ausgeliefert werden. Nur wenn beide Komponenten in die moderne Bi- und Multistatische Ortung integriert werden, stehen der Flotte hervorragende U-Jagdhubschrauber zur Verfügung, die sie flexibel in jedem Seegebiet der Welt einsetzen kann.

Dem Sea Tiger wird der Leichtgewichtstorpedo MU90 zur Verfügung stehen, ein Waffensystem, das keinen internationalen Vergleich scheuen muss und jetzt schon mit der Lynx eingesetzt wird. Die bisher gemachten Erfahrungen stimmen sehr positiv und man muss sagen, dass mit dem NH90 Sea Tiger die Größe des Hubschraubers endlich der Waffe angepasst wird. Der Torpedo brachte die Lynx an ihre konstruktiven Grenzen. Hinzu kommt, dass die Vorbereitung eines Übungsschießens immer noch mit einem unglaublich hohen administrativen Aufwand einhergeht. Mit dem Sea Tiger besteht die Möglichkeit, dies zu einem Routinevorgang werden zu lassen. Womit die Staffel mit der Waffe endlich so selbstverständlich üben können wird, wie es zum Beispiel im 1. U-Bootgeschwader der Fall ist.

Von der besseren Drohne zum vollwertigen Anti-Surface Warfare-Hubschrauber

Im Bereich der Anti-Surface Warfare (ASuW) wird es zum größten Sprung nach vorne kommen. Das liegt zum einen an dem verbesserten Lagebildaufbau, der aufgrund der bereits beschriebenen erweiterten Sensorsuite und der erstmaligen Verwendung eines Missionssystems, deutlich schneller und umfassender vonstattengehen wird. Mit größter Spannung blickt die Staffel der ESM-Anlage (ESM – Electronic Support Measures) entgegen, die völliges Neuland für „Lynxer“ bedeuten und viel Abschauen bei den Fliegerkameraden der P-3C des MFG 3 „Graf Zeppelin“ nach sich ziehen wird.

Zum anderen wird im Bereich der Effektoren mit dem neuen Seeziel-Lenkflugkörper des Sea Tiger eine Lücke geschlossen, die seit der Ausphasung des Sea Skua 2014 schmerzlich im Aufgabenportfolio der Lynx klaffte. Der technische Fortschritt, die gesteigerte Reichweite und gerade die Landzielfähigkeit des Seeziel-Lenkflugkörpers werden einer Neueinführung gleichkommen. Die Erfahrungen aus dem Umgang mit dem Sea Skua, ohnehin größtenteils vergessen, helfen eher wenig. Spätestens die Aufnahme in einen Joint Targeting-Prozess (übergreifende Zielansprache, z.B. für ein Landziel), wird den Horizont eines jeden Staffelmitglieds massiv erweitern. Abgesehen davon, dass die Verfahren zum effektiven Einsatz gegen einen „peer-competitor“ (ein gleich- bzw. höherwertiger Gegner) noch erarbeitet werden müssen.

Die bisherige Flexibilität weiter sicherstellen – Personal-, Material-, External Cargo-Flüge

Die weiteren Aufgaben eines Bordhubschraubers, nämlich die Versorgung der Verbandseinheiten von Land und untereinander, müssen in Zukunft genauso dargestellt werden wie bisher. Hinsichtlich der operativen Flexibilität wird sich im Vergleich zur Lynx einiges ändern.

Zum einen müssen noch viele eigene Erfahrungen im Einsatz und der Wartung im Bordflugbetrieb gemacht werden, um den 11-Tonnen GFK-Hubschrauber genauso gut einsetzen zu können wie den halb so schweren Vorgänger aus Aluminium. Zum anderen fand auch ein massiver Wandel in der Sicherheitskultur der letzten Jahre statt: Lässt es sich in der heutigen Zeit vorstellen, wie Soldaten ohne Sicherung auf bzw. an einem Hubschrauber arbeiten, während dieser auf dem Flugdeck eines schwankenden Schiffs steht? Aus Sicht der Staffel sollte der Schwerpunkt wieder mehr in Richtung Auftragserfüllung gelegt werden. Ohne, dass deswegen die Sicherheit vernachlässigt werden wird.

Der Sea Tiger unterscheidet sich vom hier abgebildeten Sea Lion u.a. durch eine andere Konfiguration im Bugbereich

Mit dem Wandel in der Sicherheitskultur lassen sich aber auch längst erkannte Defizite abstellen und zudem Fähigkeiten deutlich erweitern: Gemeint ist die Durchführung von Nachtflug. Im Austausch mit Bordfliegern anderer Nationen schwanken die Reaktionen regelmäßig zwischen Unglauben und Unverständnis, dass die Piloten der Lynx komplett ohne Nachtsichtgeräte arbeiten. Hier ist der NH90 Sea Tiger insofern Hoffnungsträger, dass es möglich wird, wieder auf Augenhöhe mit den Partnermarinen zusammenarbeiten zu können. Ein konventioneller Nachtflug inmitten mehrerer anderer abgedunkelter Maschinen, ist gelinde gesagt, „sportlich“.

Deutsche Marine – entdecke die Möglichkeiten!

Insgesamt kann gesagt werden, dass der Flotte mit dem Zulauf des NH90 Sea Tiger ein deutlich potenteres Seekriegsmittel zur Verfügung stehen wird. Allerdings ist durch die langjährige Teilnahme an Stabilisierungseinsätzen wie „Atalanta“ oder „UNIFIL“ der taktische Einsatz der Bordhubschrauber inklusive seiner Einbindung in Bekämpfungssituationen nicht mehr präsent. Aus Sicht der Staffel wird in der fahrenden Flotte zu wenig darüber nachgedacht, wie sehr diese fliegende Operationszentralen, die Art und Weise verändern könnte, wie eine Maritime Task Group operiert. Wenn die Marine realisiert, dass es sich beim NH 90 Sea Tiger nicht um eine Sea Lynx Version 1.3 handelt und sie dementsprechend reagiert, lässt sich von der Flotte das volle Potential des Bordhubschraubers abschöpfen.

Dann würde auch der Druck gegenüber beteiligten und vorgesetzten Dienststellen, die Zeitlinien zu überprüfen, so die Hoffnung der Staffel, steigen: Obwohl die Marineflieger die Einführung des Sea Lynx-Nachfolgers zum Ende 2023 gefordert hatten, besteht derzeit das Angebot, die ersten Hubschrauber frühestens Dezember 2024 auszuliefern, einen zeitgerechten Vertragsschluss vorausgesetzt. Sogar dann wird der geforderte bruchfreie Übergang nicht realisierbar sein, da das neue Waffensystem naturgemäß nicht sofort voll einsatzfähig sein wird.

Gleichzeitig wird das Außerdienstgehen des Lynx bis 2025 ausgeplant, ab 2022 sollen nach und nach die verfügbaren Jahresflugstunden reduziert werden. Dies wird bei dem zu erwartenden Bedarf der Flotte an operativen Einschiffungen andererseits die Regeneration von Staffelpersonal erschweren. Wenn dem Nachwuchs weder auf dem Neu- noch auf dem Altsystem eine realistische Perspektive auf fliegerischen Erfahrungsaufbau geboten werden kann, ist das Resignationsrisiko während des Ausbildungsganges hoch. Ein internationaler Erfahrungswert. Hier müssen besser aufeinander abgestimmte, nachvollziehbare und vermittelbare Zeitlinien her.

Der Aufgabenberg vor der 3. Staffel

Diese Zeitlinien sind zudem Grundvoraussetzung für eine saubere Planung der Personalüberleitung, aber auch für die langfristige Motivation unserer Staffelmitglieder, um sie auf die vor uns liegenden Aufgaben einzustimmen:

1 – Analyse des MRFH: Zwar hat die Beschäftigung mit dem Neusystem schon punktuell stattgefunden, doch noch fehlt eine fundierte Analyse des zu beschaffenden Hubschraubers aus Sicht des Operateurs – wichtig, um Möglichkeiten und Grenzen in der Theorie auszuloten.

2 – Vorbereitung der Menschen: Der neue Hubschrauber stellt einen Quantensprung dar. Je früher die Berührungsängste der alten „Lynxer“ abgebaut werden können und sie den MRFH als „ihr“ Waffensystem akzeptieren, desto besser.

3 – Bruchfreier Übergang: Ziel der staffelinternen Personalüberleitung auf das neue Waffensystem muss die Gewährleistung mindestens einer durchgehenden Einschiffung sein.

Der Geist der 3. Fliegenden Staffel ist von dem Motto geprägt „Fliegen wo die Flotte fährt“. Diesem Gedanken fühlen wir uns mit Stolz verpflichtet und werden diesen Weg leidenschaftlich mit dem Sea Tiger fortsetzen. Stehen die Luftfahrzeuge erst einmal an Bord zur Verfügung, wird der Mehrwert des NH90 MRFH Sea Tiger gegenüber seinem Vorgänger offensichtlich und signifikant sein. Die ersten Erfahrungen aus dem Flugbetrieb mit dem „Bruder“ NH90 NTH Sea Lion weisen darauf hin. Um aber einem Grundprinzip der Fliegerei „Stay ahead of the aircraft!“ treu zu bleiben, ist es auf allen Ebenen bis hin zur Billigung durch den Bundestag dringend notwendig, im Prozess Fakten zu schaffen. Nur so wird die 3. Fliegende Staffel in der Lage sein, auch die nächsten 40 Jahre Bordfliegerei erfolgreich zu gestalten!

Fregattenkapitän Sebastian Goldstein ist Staffelkapitän der 3. Fliegenden Staffel im Marinefliegergeschwader 5.