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Vor drei Tagen im Bundestag behandelt, gestern (am 19. Juni 2020) wurden die Unterschriften geleistet. Damen Schelde Naval Shipbuilding und das Bundesamt für Ausrüstung Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) unterzeichneten in Koblenz den Vertrag über den Bau des Mehrzweckkampfschiffs „MKS 180“.

Gemäß der Mitteilung des niederländischen Schiffbauers, der weltweit 36 Schiffs- und Reparaturwerften betreibt und 13.000 Mitarbeiter beschäftigt, umfasst der Vertrag die Lieferung von zunächst vier Schiffen in den Jahren 2027 bis 2031 mit einer vereinbarten Option für eine mögliche Lieferung von zwei weiteren Schiffen in den Jahren nach 2032. Ergänzend dazu sieht das Bundesverteidigungsministerium nach einer rund dreijährigen Konstruktionsphase das Jahr 2023 als Baubeginn der Schiffe.

Der Bau erfolge bei Blohm+Voss in Hamburg unter Einbeziehung weiterer norddeutscher Werftstandorte in Bremen, Kiel sowie Wolgast, so Damen.

Die Beschaffung von vier Mehrzweckkampfschiffen 180 ist im Bundeshaushalt mit fast 5,8 Milliarden Euro (exakt 5,722581 Milliarden Euro) berücksichtigt. Darin sind neben den etwa 4,6 Milliarden Euro Netto-Baukosten für die Einheiten auch die Landanlagen zur Ausbildung und die vom Verteidigungsministerium auf ungefähr zehn Jahre veranschlagte externe Baubegleitung eingerechnet.

Mit dem Vertragsabschluss endet die Saga um das Vergabeverfahren des Mehrzweckkampfschiffes, das im Jahr 2015 unter Berücksichtigung vorliegenden rechtlichen Rahmenbedingungen als europäischer Wettbewerb begann.

Ob der schnellen Abwicklung freut sich Vizeadmiral Andrea Krause, Inspekteur der Marine, auf Twitter: „Da soll doch noch mal einer sagen, dass wir nicht schnell können. Am Mittwoch die parlamentarische Billigung, heute ist der Vertrag unterzeichnet. Ich habe die Zukunft fest im Blick. Bin gespannt, wann der „Artist Impression“ das erste reale Foto folgt. Darf gern schneller gehen.“

Aus den gestern veröffentlichten Illustrationen lässt sich zur Bewaffnung ableiten: 1×127 mm Artillerie, 14-16 VLS-Starter, 2xRAM, mindestens 2 MLG27, Täuschkörper. Offen: Seezielflugkörper, Torpedo, weitere Artillerie. Aufnahme mindestens 1 Hubschrauber der Größenordnung NH90/Sea Tiger.

 

Gemeinsamer Schiffbau als <neues> Glied in einer Kette von Kooperationen

Das Mehrzweckkampfschiff 180 wird in Kooperation zwischen der niederländischen Damen Shipyards Group, der Thales Group und der Lürssen-Werft unter Einbindung der German Naval Yards gebaut. Die Damen Werft beabsichtigt einen hohen Wertschöpfungsanteil in Deutschland zu belassen – über 70 Prozent. Dies betrifft nicht nur die Werften, sondern auch die deutsche Zulieferindustrie. Zudem sei vertraglich vereinbart, dass rund 30 Prozent des Aufkommens an mittelständische Unternehmen vergeben werden. Einzelheiten des Vertrages liegen zurzeit noch nicht vor.

Das Führungswaffeneinsatzsystem der zukünftigen Einheiten kommt von der Thales Group, der zentrale See- und Luftraumüberwachungssensor von Hensoldt (die Taufkirchener liefern vier auf AESA-Technologie basierende Schiffsradare TRS-4D). Weiterhin gab das Bundesverteidigungsministerium bekannt, dass eine Vielzahl von Sensoren und Effektoren aus den USA, Deutschland, Niederlanden und Norwegen kämen. Deutschland habe sich für die Zukunft umfangreiche Rechte an dem Schiff gesichert.

Das Verteidigungsministerium sieht das Projekt in der Folge der bisher sehr erfolgreichen niederländisch-deutschen Kooperation. Die Niederlande haben Verbände in deutsche Strukturen integriert – und umgekehrt. Nachdem  Heereseinheiten (Teile der Panzertruppe, Division Schnelle Kräfte) bereits Leuchtturmprojekte ausgerollt haben, sollen die Marinen nicht zurückstehen. Das Seebataillon der Deutschen Marine wird schrittweise in die Königlich Niederländische Marine integriert werden. Seit 2016 arbeitet man gemeinsam mit den Niederlanden am Einstieg in den Fähigkeitsaufbau zum gesicherten und weitreichenden Seetransport der Bundeswehr. Die maritime Kooperation sieht ebenso vor, dass die Deutsche Marine das Joint Support Ship der Niederländer zum Transport von Personal und Material mitnutzen kann. Auch im Rüstungssektor wird zusammengearbeitet. Beispielgebend ist die Zusammenarbeit beim Gepanzerten Transport-Kraftfahrzeug (GTKGepanzertes Transport-Kraftfahrzeug) Boxer und beim Panzerspähwagen Fennek. Darüber hinaus sind die Nutzungskooperationen etwa beim Kampfpanzer Leopard 2 oder der Panzerhaubitze 2000 anzuführen.

 

Nukleus für eine Konsolidierung im Marineschiffbau?

Das Verteidigungsministerium sieht den Vertragsschluss für das Mehrzweckkampfschiff 180 als eine Möglichkeit, weitere Kooperationsmöglichkeiten im maritimen Bereich auszuloten. Hierzu sei Staatssekretär Benedikt Zimmer mit seiner niederländischen Amtskollegin, Staatssekretärin Barbara Visser, im Gespräch. Sowohl in Deutschland als auch in den Niederlanden gilt militärischer Schiffbau als nationale Schlüsseltechnologie. Dies schließe eine Zusammenarbeit jedoch nicht aus. Gerade durch gemeinsame Schritte kann die Verfügbarkeit sicherheitspolitisch kritischer Technologien sowie der Anschluss an den technologischen Entwicklungsstand gewährleistet werden. Ziel eines jeden Landes ist es, den eigenen Marinen moderne, einsatzbereite U-Boote, Boote und Schiffe zur Verfügung zu stellen. Man möchte aber auch in der Lage sein, auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähige maritime Einheiten anzubieten.

Dazu erklärt Hein van Ameijden, Managing Director von Damen Schelde Naval Shipbuilding: „Mir ist außerdem wichtig: Mit dem Projekt ‚MKS 180‘ treiben wir die europäische Zusammenarbeit im Marineschiffbau weiter voran und leisten einen gemeinsamen Beitrag zur Sicherheit für Europa.“

Mehrzweckkampfschiff MKS 180 – Vertragsunterzeichnung

Damen hat über 6.500 Schiffe in mehr als 100 Länder ausgeliefert und liefert nach eigenen Angaben jedes Jahr etwa 175 Schiffe an Kunden auf der ganzen Welt. Neben Marineeinheiten gehören zu dem Portfolio des familiengeführten Unternehmens mit Sitz in Gorinchem: Schlepper, Arbeitsboote, Einheiten für Küstenwachen, High-Speed-Boote, Frachtschiffe, Baggerschiffe, Schiffe für die Offshore-Industrie, Fähren, Pontons und Luxusyachten.

Hans Uwe Mergener

 

Kenngrößen und Aufgaben des MKS 180

Länge: circa 155 Meter Konstruktionswasserlinie
Wasserverdrängung: maximal 9.000 Tonnen
Kojenkapazität: 110 Personen Stammbesatzung

70 Personen Einschiffungskontingente

Einsatzzeit: 24 Monate
Fahrtgebiet: weltweit
Eisklasse: 1C/E1 für Seegebiete mit Eisbildung
Nutzungsdauer: 30 Jahre
Bewaffnung: ·       Flugabwehrraketen mittlerer und kurzer Reichweite

·       weitreichende Seeziel-Flugkörper

·       Hauptgeschütz 127 Millimeter mit reichweitengesteigerter Munition

·       Wasserwerfer, schwere Maschinengewehre, Marineleichtgeschütze

·       Einsatzboote, Aufklärungsdrohnen, U-Jagd-Bordhubschrauber

Einsatzaufgaben: ·       Selbstverteidigung und Kampfeinsätze

·       Erstellung eines Maritimen Lagebildes über und unter Wasser

·       Seeraumüberwachung und Embargokontrolle, inklusive Boarding

·       Militärische Evakuierung in Krisensituationen

·       Begleitschutz für Handelsschiffe

·       Führung von Einsatzverbänden in See