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Trotz des beiderseitigen Interesses an geoökonomischer und geopolitischer Stabilität ist der bilaterale Handelskonflikt zwischen den USA und der Volksrepublik China im Kern nicht nur ein Konflikt des unausgeglichenen bilateralen Warenaustausches zwischen beiden Seiten.  Es ist auch ein eskalierender Wettlauf bei den künftigen technologischen Schlüsseltechnologien der Digitalisierung und Künstlichen Intelligenz (KI).

Der wirtschaftliche und technologische Aufstieg Chinas zur neuen Wirtschaftsmacht nach den USA droht zum ersten Mal nach 1945 den globalen amerikanischen Status als führende Wirtschafts- und Militärmacht ernsthaft zu bedrohen. In den USA wird daher schon von einem möglichen „Sputnik-Schock“ gesprochen, der jedoch wesentlich größere Auswirkungen auf die USA haben könnte als der Start des ersten künstlichen Erdsatelliten Sputnik 1 am 4. Oktober 1957 durch die Sowjetunion.

Globaler Wettlauf bei Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung – Geopolitische Dimensionen
China ist bei der Gesichtserkennung der weltweit führende Anwender von Technologien der Künstlichen Intelligenz (Fotomontage: mawibo-media)

Dabei rücken die disruptiven Schlüsseltechnologien vor allem bei der Künstlichen Intelligenz mehr denn je in den Fokus der bilateralen geopolitischen Rivalität. Der strategische Zugang zu und die Kontrolle von Daten gelten als der Rohstoff für die Künstliche Intelligenz und somit als das „neue Öl“ und die Währung im 21. Jahrhundert, die über den künftigen geoökonomischen und geopolitischen Einfluss in der Welt entscheiden werden. KI-Projekte und -Anwendungen sind wie digitale Technologien häufig nicht allein auf bestimmte Wirtschafts- und Industriesektoren begrenzt. Sie betreffen mehrere Sektoren und sind zudem Dual-Use-fähig, d.h. finden sowohl im zivilen als auch militärischen Bereich Anwendung. Je größer die Datenmenge, umso mehr verbessern sie die lernenden Systeme.

Für Europa sind dies aus mehreren Gründen schlechte Nachrichten. Zum einen fokussieren sich die USA in ihrer weltpolitischen Ausrichtung und globalen Agenda zunehmend auf China und Asien. Zum Zweiten hat der gegenwärtige bilaterale Handelskonflikt negative Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und die ökonomische Entwicklung in Europa. Aber – drittens –: Es wird der EU inzwischen immer mehr bewusst, dass sie lange Zeit die künftige globale wirtschaftlich-technologische Bedeutung der Künstlichen Intelligenz und der Digitalisierung verkannt hat. Damit ist sie gegenüber den USA und gegenüber China zurückgefallen.

In der EU muss man auch erkennen, dass diese KI-Revolution viel schneller als erwartet kommt. Sie wird sich weltweit sehr viel schneller technologisch sowie geopolitisch manifestieren. Sie ist vor allem eine Software-Revolution und keine Hardware-Revolution wie während der letzten 150 Jahre, die unterschiedlichste Hardware miteinander quasi in Echtzeit verbindet und diese zum selbstständigen Lernen befähigt.

Die Dialektik der Technologierevolutionen

Diese Revolution wird unzweifelhaft viele positive Auswirkungen auf das Leben der Menschen haben. Sie schafft auch neue Arbeitsplätze. Aber damit sind auch viele neue Sicherheits- sowie andere Herausforderungen verbunden. Wie immer bei historischen Technologierevolutionen wird es Gewinner und Verlierer geben. Es wird den Abstieg bisheriger Wirtschaftsmächte einläuten, wenn diese die gewaltigen Veränderungen der Technologierevolutionen verschlafen und den Technologiewettlauf nicht annehmen.

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