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Mit seinem Besuch in der Admiral-Pawel-Nachimow-Akademie der russischen Marine in Sewastopol auf der Krim schloss der russische Präsident Wladimir Putin seine Beobachtung einer Übung der russischen Nord- und Schwarzmeerflotte ab, an der 31 Kriegsschiffe, ein U-Boot, 22 Hilfsschiffe und 39 Luftfahrzeuge beteiligt waren. Im Abschlussbriefing griff das Staatsoberhaupt die Beschlüsse zur Flottenmodernisierung auf, die Anfang Dezember letzten Jahres bei der Konferenz in Sotschi gefasst wurden.

Nach Wladimir Putin dürfte der Anteil moderner Waffen und Ausrüstung bei der Marine in naher Zukunft bei 70 Prozent liegen. Dies sei ein Wert, den die Marine nicht nur erreichen, sondern auch beibehalten müsse. Zuvor hatte der Oberbefehlshaber der russischen Marine, Admiral Nikolai Jewmenow, betont, dass „der Anteil moderner Waffen und militärischer Spezialausrüstung in der Flotte derzeit mehr als 68 Prozent“ betrage. Dieser Wert sei über die Jahre langsam erreicht worden.

Die russischen Streitkräfte sollen, so Verteidigungsminister Sergei Schoigu auf einer Sitzung des Nationalen Verteidigungsrates am 10. Januar, „eine gründliche Analyse möglicher militärischer Bedrohungen und Maßnahmen zur Verbesserung der Streitkräfte“ vornehmen. „Die Ergebnisse dieser Arbeit werden bei der Ausarbeitung des Verteidigungsplans des Landes für den Zeitraum 2021 bis 2025 berücksichtigt.“ Er kündigte an, eine „moderne Hightech-Marine“ aufzubauen.

Die Aussagen des Staatspräsidenten und des Oberbefehlshabers zur Modernität und zur Leistungsfähigkeit des militär-industriellen Apparates drängen den Schluss auf, dass Überwasser-Großkampfschiffen keine Bedeutung zugemessen wurde. Vielmehr scheinen kleinere und mittelgroße Überwassereinheiten sowie die U-Boote im Mittelpunkt der Überlegungen zu stehen. Allerdings gab Präsident Wladimir Putin in seiner Rede zur Lage der Nation am 15. Januar keine Hinweise auf außergewöhnliche neuerliche Entwicklungen in der Marine. Fortschritte bei den Waffensystemen und zukunftsweisende Projekte werden sonst gern bei diesem Anlass skizziert.

Amphibische Hubschrauberträger

Zwei amphibische Hubschrauberträger sollen Anfang Mai in der Zaliv-Werft, Kertsch, aufgelegt werden. Der Bauvertrag soll im Februar unterzeichnet werden. Die Schiffe sollen russischen Quellen zufolge die Namen „Sewastopol“ und „Wladiwostok“ tragen. Die Schiffe sollen eine Wasserverdrängung von rund 25.000 Tonnen haben und 220 Meter lang sein. Über zwanzig schwere Hubschrauber sollen sie befördern können. Die Schiffe sollen über ein Dock für Landungsboote verfügen und bis zu zwei verstärkte Marinebataillone mit einer Gesamtstärke von 900 Mann aufnehmen können. Das erste Schiff soll 2025 an die Marine ausgeliefert werden.

Diese Entwicklung war nach der Annexion der Krim nötig geworden. Ursprünglich hatte sich Russland für die französischen Landungsschiffe der „Mistral“-Klasse interessiert. Zwei solcher Schiffe wurden im Jahr 2011 bestellt. Als Reaktion auf die Krise in der Ukraine kündigte Frankreich den Vertrag jedoch im Jahr 2015. Die französische Regierung verkaufte die Schiffe später an Ägypten.

Bei Zaliv wurden bisher noch keine Kriegsschiffe mit großer Verdrängung gebaut. Westliche Experten gehen davon aus, dass die Kapazitäten der Schiffbauindustrie dafür aktuell nicht ausgelegt sind, Einheiten im Flugzeugträgermaßstab zu produzieren. Die Experten gehen davon aus, dass Moskau von einem derartigen Prestigeobjekt sicherlich nicht ablassen wird. Jedoch wird dafür der Aufbau entsprechender industrieller Fähigkeiten einhergehen müssen. Möglich ist auch, dass die Konstruktion der beiden Landungsschiffe bei Zaliv ein Meilenstein auf dem Weg zu einem Flugzeugträger darstellt. Er könnte also zum Erfahrungsgewinn sowie zum Aufbau von Know-how und Kompetenzen dienen.

Zusammenarbeit mit China?

Der Trägerbau sollte erst erfolgen, wenn auch ein entsprechendes Trägerflugzeug bereitgestellt werden könnte. Die MiG-29K wurde auf der „Kusnezow“ als Verlegenheitslösung eingeführt. Eine andere Neuentwicklung ist aktuell nicht in Sicht. Allerdings ist auch eine Kooperation mit China denkbar, was sowohl die Plattform als auch das Flugzeug betrifft.

Präsident Wladimir Putin gemeinsam mit dem Verteidigungsminister Sergei Schoigu (hinter Putin) und dem Chef der Marine Admiral Nikolai Jewmenow vor dem Modell der „Lamantin“ (Foto: Kreml)

Zu Irritationen führte ein jüngst kursierendes Bild, das den russischen Staatspräsidenten vor dem Modell eines Flugzeugträgers zeigt. Es handelt sich dabei um ein Foto, das anlässlich seines erwähnten Besuchs in der Admiral-Pawel-Nachimow-Akademie der russischen Marine gemeinsam mit dem Verteidigungsminister und dem Chef der Marine vor dem Modell der „Lamantin“ zeigt. Das sogenannte Projekt 11430E, der größere von zwei konkurrierenden Flugzeugträgerentwürfen, wurde im Sommer 2019 vom Nevskoe Design Bureau, St. Petersburg, vorgestellt (350 Meter lang, ca. 80 bis 90.000 Tonnen Verdrängung).

Zwei Prioritäten nannte Putin für die Marine: zum einen die Aufrechterhaltung der Einsatzbereitschaft der strategischen Nuklearstreitkräfte, zum anderen die Fortsetzung der Aufgaben in der Arktis. Während seines Aufenthaltes in Sewastopol ließ sich Putin über die Maßnahmen und Rüstungsvorhaben der Marine für den Einsatz in der Arktis von Sergei Schoigu unterrichten.

Der Befehlshaber der Nordflotte, Vizeadmiral Alexander Alexejewitsch Moissejew, erklärte bereits am 8. Januar in einem Tagesbefehl, dass „im Jahr 2020 die Nordflotte weiterhin Sicherheitsaufgaben in den Bereichen der wichtigsten arktischen Transportroute Russlands, der Nordseeroute, lösen werde, einschließlich der Verbesserung ihrer Fähigkeiten bei Einsätzen in der Arktis.“ Nordseeroute steht in der russischen Terminologie für die Nordostpassage zwischen Nowaja Semlja und der Beringstraße.

Dahinter steht eine schon länger verfolgte Strategie. Am 30. Dezember 2019 hat die russische Regierung ein Dokument veröffentlicht, in dem der inzwischen zurückgetretene Ministerpräsident Dmitri Medwedew die Einzelheiten des Moskauer Plans zur Entwicklung und zum Bau prioritärer Infrastruktur entlang der Arktisroute zur Erschließung fossiler Brennstoffe wie auch für die Schifffahrt beschreibt. Diese Initiative geht zurück auf ein Dekret von Präsident Wladimir Putin aus dem Jahr 2018, in dem er formuliert, dass das durch die Arktis beförderte Frachtvolumen bis 2024 80 Millionen Tonnen erreichen soll – viermal so viel wie 2018.

Die „Arktika“, der nukleare Eisbrecher-Neubau, lief im vergangenen Jahr vom Stapel (Foto: Rosatom)

Medwedews Plan, der die Entwicklung der Arktis für die nächsten 15 Jahre prägen wird, überschreitet die Zielvorgabe des präsidentiellen Erlasses, indem er bis 2030 ein Aufkommen von 90 Millionen Tonnen vorsieht. Rosatom, Russlands staatlicher Nuklearkonzern, wurde mit den meisten der 84 in dem neuen Dokument beschriebenen Vorhaben beauftragt. Insgesamt sieht die Regierung den Bau von mindestens 40 neuen Schiffen in der Arktis vor, einschließlich nuklearer Eisbrecher. Die „Arktika“, der nukleare Eisbrecher-Neubau, führte Mitte Dezember 2019 seine Probefahrt durch. Der Bau der „Lider“ wurde gerade per Dekret der russischen Regierung genehmigt, Dafür wurden Haushaltsmittel in Höhe von 127,576 Milliarden Rubel (1,87 Milliarden Euro) bereitgestellt. Es handelt sich um einen Atomeisbrecher mit einer Leistung von 120 Megawatt, der 2027 einsatzbereit sein soll. Abmessungen: 209 x 47 Meter. Er soll in der Lage sein, bis zu vier Meter dickes Eis bei zwölf Knoten zu befahren.

Der Bau der „Lider“ wurde gerade per Dekret der russischen Regierung genehmigt (Grafik: Rosatom)

Die „Iwan Papanin“, Projekt 23550, lief am 25. Oktober 2019 vom Stapel, während die „Ilja Muromez“, Projekt 21180, bereits im Oktober 2017 ihren Probebetrieb aufnahm. Die 8.000 bzw. 6.000 Tonnen verdrängenden Einheiten sind nicht nur wegen des Designs der „Iwan Papanin“ ungewöhnlich. Beide Typen sollen über die Eisklasse Arc 6 (russische Klassifizierung, bis zu einer Eisdicke von 1,3 Meter) verfügen und können mit modularisierten bzw. containerisierten Waffensystemen ausgestattet werden. Da wäre das Artilleriegeschütz 6 x 30 mm A-630, besser bekannt als Gatling Gun, sowie eine modifizierte Version des Marschflugkörpers Kalibr, von denen die „Iwan Papania“ acht tragen soll.

„Iwan Papanin“, Projekt 23550, lief am 25. Oktober 2019 vom Stapel

Dazu sollen vier Flughäfen in der Polarregion modernisiert werden. Weiter sollen Eisenbahnlinien und Seehäfen im hohen Norden gebaut werden. Ziel ist es, die natürlichen Ressourcen der Region, insbesondere Erdgas, Öl und Kohle, auszubeuten. Bereits im Frühjahr 2019 hat das russische Ministerium für natürliche Ressourcen 118 Projekte identifiziert, die Bodenschätze in der arktische Zone der Russischen Föderation erschließen und verarbeiten sowie die dafür nötige Infrastruktur entlang der Nordseeroute aufbauen sollen.

Die Planung und der Bau eisfähiger Marineeinheiten verdeutlicht die Ernsthaftigkeit Moskaus, seine politischen und wirtschaftlichen Absichten für den arktischen Wirtschaftsraum um- und durchzusetzen. Militärische Fähigkeiten spielen dabei eine wichtige Rolle. Die russische Flagge, die russische Tauchkapseln 2007 unter dem Nordpol platzierten, symbolisierte den russischen Anspruch in der Region. Dieser wird schon deutlich unterstrichen: Zwischen der norwegisch-russischen Grenze und der Beringstraße sollen seit 2013 sieben Militärbasen neu errichtet worden sein, unter anderem mit der Stationierung von Boden-Luft-Batterien S-400.

Moskau hat die Chancen, die sich aus dem Klimawandel für den Wirtschaftsraum Arktis ergeben, erkannt. Es bündelt seine Aktivitäten im besten Clausewitzschen Sinne: ressortübergreifend werden Zweck, Ziel und Mittel zusammengeführt.

Autor: Hans-Uwe Mergener