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Nachtsichtgeräte und Zielhilfsmittel ermöglichen es dem Infanteristen, sich bei Dunkelheit zu orientieren, zu bewegen, Ziele aufzuklären und zu bekämpfen. Damit kämpft der Infanterist nachts wie am Tage. Was sich in Werbebroschüren und Konzepten einfach anhört, ist in der Praxis alles andere als das. Ein ganzheitlicher Blick auf die direkten und indirekten Nachtseh- und Nachtkampfmittel ist angebracht.

Bildverstärkerbrillen

Waren in der Vergangenheit monokulare und biokulare Nachtsichtbrillen Standard, werden heute zunehmend binokulare Geräte, auch Stereobrillen genannt, beschafft. Als großer Vorteil wird hier von den Herstellern angeführt, dass dreidimensionales Sehen und somit das Fahren von Kraftfahrzeugen möglich ist. Es gibt jedoch weitere entscheidende Vorteile.

Einerseits kann eine Seite der Brille hochgeklappt werden. Damit sieht man über ein Auge das Bild des Restlichtverstärkers und über das andere Auge behält man die natürliche Umgebungswahrnehmung. Das ist unter anderem bei hohem Restlicht (Dämmerung, starkes Mondlicht) und bei wechselnden Lichtverhältnissen (urbanes Gelände) von Vorteil. Das freie Auge kann bei Restlicht im Nahbereich Entfernungen schneller wahrnehmen, und das Sehfeld ist größer. Auch wenn plötzlich grelles Weißlicht ins Spiel kommt (Taschenlampen, Vorfeldbeleuchtung etc.) kann mittels des freien Auges und des Rotpunktvisiers verzugslos gezielt und geschossen werden, was durch die überbelichtete andere Seite der Nachtsichtbrille erheblich schwieriger ist.

Bei richtiger Justierung lassen sich mit der Nachtsichtbrille Karten lesen. (Foto: U.S. Army)

Ein weiterer großer Vorteil ist die Möglichkeit, die Fokussierung der beiden Röhren unterschiedlich einzustellen. Justiert man die Fokussierung einer Seite auf ca. 50 Meter, sind Objekte in einem Bereich von 15 Meter bis zu mehreren hundert Metern ausreichend fokussiert. Jetzt kann die andere Seite auf kürzere Entfernung im Nächst- oder Nahbereich scharf gestellt werden. Das bietet Vorteile beispielsweise für die Annäherung im Wald. Hier ist das Fokussieren auf den Boden zweckmäßig. Damit kann der Infanterist Geräusche vermeiden und verzugslos in Feindrichtung beobachten, ohne Verstellungen vornehmen zu müssen. Weitere Beispiele: Im Orts- und Häuserkampf lässt sich die Brille auf fünf Meter, also in Raumkampfentfernung nutzen. Zudem ist das Lesen von Karten oder das Bedienen von Geräten möglich, ohne die Umgebung aus dem Fokus zu verlieren. Ein echter Fähigkeitsgewinn!

Ein Problem haben aktuelle Bildverstärkerbrillen gemeinsam: das eingeschränkte Sehfeld von 40 bis 50 Grad. Dadurch entsteht ein Tunnelblick, der die periphere Wahrnehmung des Soldaten stark einschränkt. Abhilfe können sogenannte Panoramabrillen schaffen. Diese Geräte kombinieren vier Bildverstärkerröhren linear nebeneinander und führen zu einem Sehfeld von ca. 100 Grad. Die meist teuren Geräte werden hauptsächlich bei Spezialkräften genutzt.

Einen richtungsweisenden Schritt ist die deutsche Infanterie im Rahmen des Vorhabens IdZ-ES gegangen: Sensor-Fusion. Die biokulare Lucie II D lässt sich mit einem IR-Modul erweitern und spielt dann zusätzlich ein Wärmebild in das Sehfeld der Bildverstärkerbrille. Das erhöht die Fähigkeit zur frühzeitigen Erkennung des Feindes signifikant. Darüber hinaus können Daten vom Führungssystem und dem elektronischen Kompass in das Sichtfeld eingespielt werden und erhöhen so die „Situational Awareness“.

Laser- und Laser-Lichtmodule

Laser-Lichtmodule für den infanteristischen Kampf erhöhen den Einsatzwert von Nachtsichtmitteln erheblich. Moderne Geräte besitzen zumeist drei Laser (roter Ziellaser, IR Ziellaser, IR Beleuchter), die in einem Block im Gehäuse sitzen und gemeinsam justiert werden können. Damit kann mittels rotem Laser das Gerät am Tag ohne Hilfsmittel justiert werden. So kann der Einzelschütze beim Herstellen der Nachtkampffähigkeit seinen Haltepunkt mit der Tagsichtoptik vergleichen und ggf. den Haltepunkt anpassen. Die Aufgabe des IR-Beleuchters ist es, bei nicht ausreichendem Restlicht das Vorfeld spotartig zu beleuchten. Dafür kann die Fokussierung des Lasers geändert werden. Im Nahbereich werden zumeist Streulinsen für den IR-Beleuchter oder zusätzliche IR- LED-Aufheller genutzt, welche das Vorfeld großflächig (bis zu 180°) ausleuchten.

Das gezielte Schießen mit dem Lasermodul ist bis ca. 100 Meter praktikabel. Niederhalten ist auch darüber hinaus möglich, vorausgesetzt, der Soldat beherrscht den Umgang und das Schießen mit dem Laser, denn der motorische und ergonomische Ablauf unterscheidet sich hier signifikant vom Schießen mit Reflexvisier bei Tag.

Eine weitere Einsatzmöglichkeit des Lasermoduls, auch auf weitere Entfernung, stellt die Verwendung als Führungsmittel dar. Gibt es entsprechende Standard Operating Procedures (SOPs), können Zeichen gegeben werden, Grenzen, Linien und Feindpositionen im Gelände gezeigt sowie der Feuerkampf geleitet werden. Hier ist die Reichweite abhängig von der Ausgangsleistung des Moduls. Im nicht-augensicheren Einsatzmodus ist der Laser z. B. stark genug, um zumindest im Mittel- und eingeschränkt im Weitbereich im Rahmen von Luftunterstützungsverfahren wie Close Combat Attack (CCA) und Close Air Support (CAS) eingesetzt zu werden. Traut man den Soldaten von Spezialkräften im Einsatz die Nutzung nicht augensicherer Laser zu, sind viele Armeen bei der querschnittlichen Verwendung in der Infanterie zögerlich. Das US-Militär hat mit dem Ground Commanders Pointer, einem handgehaltenen Infrarot-Laserpointer hoher Leistung, ein Gerät eingeführt, das für Führungspersonal zur Verfügung steht. Die Bundeswehr muss diesbezüglich ihren Weg noch finden, und es gilt zu hoffen, dass Arbeitsschutz und Taktik vernünftig in Einklang gebracht werden.

Nicht vergessen werden darf, dass der Laser als aktives System von einem mit Nachtsehmitteln ausgerüsteten Feind aufgeklärt werden kann. Das Thema „Lichtdisziplin“ hat dann eine ganz andere Bedeutung. Streitkräftegemeinsame Regelungen dafür gibt es bisher keine. Abhilfe könnte die Nutzung von Lasern höherer Wellenlänge schaffen, die nur von neueren westlichen Geräten gesehen werden können. Auch hier fehlt es jedoch an streitkräftegemeinsamen und übergreifenden Standards, und so wird das Potential nicht genutzt.

Geräte für den Einsatz im Weit- und Fernbereich sind zusätzlich noch mit Entfernungsmesser, Winkelmesser und Ballistikprogrammen ausgestattet und damit vor allem für Scharfschützen, MGs und Zielfernrohrschützen (DMR) zweckmäßig.

Vorsatzgeräte

Vorsatzgeräte werden vor Tagoptiken montiert, zum Zielen wird das Absehen der Tagoptik genutzt. Für den infanteristischen Einsatz haben sich Vorsatzgeräte bewährt, weil die Geräte den Haltepunkt der Tagoptik kaum verändern und keine Justierung benötigen. Der Soldat nutzt demnach das gewohnte Absehen und die bisherigen Einstellungen des Zielfernrohres weiter. Die Geräte können vom Nutzer mitgeführt und dann bei Bedarf einfach auf der Waffe montiert werden. Je nach Modell und Typ werden verschiedene Nachtsichttechnologien genutzt. Bewährt hat sich ein Mix aus Restlichtverstärkern und Wärmebildgeräten in der Kampfgemeinschaft. So können die Vorteile beider Systeme kombiniert werden. Wärmebildsensoren können Ziele allgemein besser detektieren, Restlichtverstärker besser identifizieren. Die verschiedenen Systeme verursachen jedoch stark unterschiedliche Bilder, so dass Zielansprachen herausfordernd sind. Auch hier hilft das Laser-Lichtmodul bei der Zielansprache.

Die Grafiken zeigen Unterschiede in der Einschränkung des Sehfelds zwischen 10, 40 und 100 Grad (Grafik: Mittler Report Verlag)

Der Einsatz der Vorsatzgeräte ist vor allem ab ca. 100 Meter zweckmäßig. Das Sehfeld des Schützen wird stark eingeschränkt und zur Nutzung muss die Nachtsichtbrille hochgeklappt werden. Damit verkleinert sich das Sehfeld von 40° auf zumeist unter 10°. Das ist ein zu kleiner Bildausschnitt für ein dynamisches Gefechtsfeld. So muss der Soldat ständig zwischen den Geräten hin und herwechseln, um keine Überraschungen zu erleben und seinen Fokus nicht zu sehr einzuengen.

Am Tage würde der Soldat einfach beide Augen offenhalten und kann so zielen und das Vorfeld gleichzeitig im Blick behalten. Ähnlich funktioniert das Nachtkampfsystem, welches derzeit von der U.S. Army eingeführt wird. Das Wärmebild und das Fadenkreuz des Vorsatzgerätes wird kabellos in das Sichtfeld der Fusion-Nachtsichtbrille Enhanced Night Vision Goggle-Binocular eingespielt. Damit kann der Schütze Ziele, die er mit der Nachtsichtbrille erkannt hat, direkt anvisieren und bekämpfen. In Zukunft soll der Bildausschnitt des Vorsatzgerätes vergrößert werden können, neudeutsch „zooming“. Weiterhin gibt es die Möglichkeit zum „indirect viewing“. Damit nutzt der Schütze die Nachtsichtbrille als Videovisier und kann die Waffe ohne direkte Sichtlinie abfeuern (um die Ecke halten).

Beobachtungsgeräte

Beobachtungsgeräte werden handgehalten oder auf Stativ genutzt. Die Funktionsweise ist grundsätzlich mit Vorsatzgeräten vergleichbar, jedoch wird das Bild zumeist durch zwei Okulare wiedergegeben und der Soldat schaut mit beiden Augen in das Gerät. Dadurch kann das Gehirn die Bildinformation besser nutzen, die Effektivität des Gerätes steigt, der Soldat wird weniger ermüdet und ist durchhaltefähiger.

Für den Einsatz als Zielortungsgerät werden Entfernungsmesser, Winkelmesser, Kompass und teilweise GPS Sensoren verbaut. Damit können Zieldaten erfasst und für Wirkungsforderungen oder C4I-Systeme genutzt werden.

Die Geräte sind vor allem für Spezialisten wie Scharfschützen oder Joint Fire Teams attraktiv. Der Infanterist auf Gruppenebene empfindet diese Geräte zumeist als redundant und, wenn es nicht befohlen wird, erspart er sich gern das zusätzliche Gewicht. Gerade für die Gruppenebene wäre es deshalb sinnvoll, Lasermodule mit der Fähigkeit zur Zielvermessung zu nutzen. In Kombination mit den ohnehin schon verwendeten Vorsatzgeräten werden ausreichend genaue Zieldaten ermittelt, bei erheblich geringerem Gewicht.

Indirekte Mittel zur Steigerung der Nachtkampffähigkeit

Freund-Feind-Unterscheidung ist schon bei Tageslicht herausfordernd und kann bei Nacht noch schneller zum Albtraum werden. Industrieseitig sind zahlreiche Möglichkeiten für die Markierung eigener Teile in unterschiedlichsten Wellenlängen vorhanden. So sind zum Beispiel Thermal Beacons erhältlich. Diese sorgen vor allem dafür, dass die „Boots on the Ground“ von fliegenden Plattformen erkannt werden. Solche Geräte sucht man in der Infanterie der Bundeswehr derzeit noch vergeblich. Auch beim IdZ-ES wurden keine IR oder Thermal Beacons berücksichtigt.

Einen ganz entscheidenden Vorsprung hat das IdZ-ES allerdings, zumindest in der „Plus- Version“: Gruppenfunk für jeden Soldaten. Der Bedarf nach Absprache in der Kampfgemeinschaft, vor allem bei Nacht, ist enorm. Die Nutzung der unterschiedlichen Nachtsichtgeräte sowie die fehlende visuelle Wahrnehmung im Nahbereich (z.B. für Handzeichen) erhöhen die Wichtigkeit des kleinen Kampfgespräches. Das nächtliche Kampfgeschrei sollte im 21. Jahrhundert der Vergangenheit angehören.

Vorbildlich ist das System IdZ-ES auch bei der Integration der Geräte und Komponenten. Helm und Waffe sind ergonomisch und technisch als Geräteträger konzipiert. Die vorhandenen Schnittstellen sind Voraussetzung dafür, die beschriebenen Geräte überhaupt zu verwenden. Durch die so gewonnene Modularität kann der Soldat seine Ausrüstung flexibel der Mission anpassen. Dennoch besteht die Gefahr, dass aus der Modularität der Grundsatz folgt „Es geht mit: Alles!“ Daher müssen Erfahrungswerte gesammelt und SOPs erstellt werden, um den Soldaten und vor allem den militärischen Führer bei der Entscheidungsfindung zu unterstützen, welche Ausrüstung „mission essential“ ist.

Ausbildung – Geräteausbildung ist erst der Einstieg

Nur wer in der Lage ist, die vorhandenen Geräte bestmöglich einzusetzen, macht sie zu einem Game Changer. Betrachtet man Grundlagendokumente westlicher Armeen, findet man natürlich in allen Vorschriften und Field Manuals Kapitel zum Kampf bei eingeschränkter Sicht. Dies geht jedoch meist nicht über seit langem bekannte Weisheiten und Floskeln hinaus. Die technologische Entwicklung wurde nicht konsequent bei der Weiterentwicklung der Taktik berücksichtigt und gewinnbringend genutzt. Betrachtet man beispielsweise die Infanteriegruppe der Bundeswehr und den „Waffenmix”, muss man sich kritisch die Frage stellen, wo dieser Waffenmix (und das schließt die Nachtkampftechnik ein) in der Truppenausbildung und Führerausbildung so intensiv ausgebildet wird, dass er zu einem Game Changer auf dem Gefechtsfeld werden kann. Das Absolvieren von Grundlagenübungen bei eingeschränkter Sicht im Rahmen der Schießausbildung kann nur ein erster Schritt sein. Weiterführend muss der Einzelschütze alle Waffen und Geräte der Gruppe bei eingeschränkter Sicht beherrschen. Der militärische Führer muss auf allen Ebenen in der Lage sein, mit den vorhandenen Mitteln bei Dunkelheit zu führen und die richtigen taktischen Ansätze wählen zu können.

Die Fusion-Nachtsichtbrille FGE (Fusion-Goggle-Enhanced) gehört in Deutschland zur Ausrüstung von Spezialkräften (Foto: Bundeswehr)

Waren Nachtsehfähigkeit und insbesondere Nachtkampffähigkeit in der Vergangenheit der Kampftruppe vorbehalten, beabsichtigen moderne Armeen, alle Soldaten zumindest nachtsehfähig aufzustellen. Damit ist das Thema auch querschnittlich über Teilstreitkräfte und Truppengattungen hinaus relevant. Auch der logistische Konvoiführer inklusive aller seiner Kraftfahrer und Teileinheiten muss befähigt sein, bei eingeschränkter Sicht zu kämpfen. Organisatorische Restriktionen, wie beispielsweise Auflagen der Soldatenarbeitszeitverordnung, dürfen nicht auf die Ebene der Ausbilder abgeschichtet werden, sondern müssen im Wissen der Bedeutung von Nachtausbildung durch die Organisation Bundeswehr angegangen werden.

Vom Gerätebediener zum Night Warrior

Sehen und kämpfen wie am Tage wird es auf absehbare Zeit nicht geben. Aber westliche Nationen, führend in der Nachtsichttechnologie, können und müssen die Nacht zu ihrem Vorteil nutzen. Vollzieht man die notwendigen taktischen Anpassungen, investiert in die Ausbildung sowie in die kontinuierliche Weiterentwicklung der Technik, dann kann die Infanterie das volle Potential ihrer technischen Überlegenheit dafür nutzen. Das heißt, die Entscheidung auf dem Gefechtsfeld nachts suchen und herbeiführen. Hier hat die Infanterie, und auch die Bundeswehr allgemein, noch hohen Nachholbedarf.

Autor: Michael Fiedler ist Reserveoffizier der Infanterie und ist in der wehrtechnischen Industrie tätig. Dieser Beitrag gibt seine persönliche Meinung wieder.