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Die Ostsee ist der wahrscheinlichste Einsatzraum der größten und vielseitigsten Flottille der Deutschen Marine bei der Landes- und Bündnisverteidigung. Sind wir dafür gerüstet?

Die Ostsee war in den Jahrzehnten des Kalten Krieges der Einsatzraum für Boote, Jagdbomber und Landverbände der Bundesmarine. Hauptaufgabe war, den Seekriegsmitteln des Warschauer Paktes den Einsatz in der Ostsee zu verwehren und zum Schutz nordamerikanischer Verstärkungskräfte im Nordatlantik beizutragen. Beginnend mit dem Fall der Mauer wurde diese Aufgabe in der Folge vernachlässigt. Die Ostsee wurde ab Anfang der 1990er Jahre als „Meer des Friedens“ das verbindende Element zu den neuen NATO-Partnern im Baltikum und zu Polen, Manövergebiet mit unseren EU-Partnern Schweden und Finnland und unerschöpflicher Arbeitsplatz für die militärische Altlastenbeseitigung.

Doch seit 2014 ist die Ostsee zurück im militärischen Bewusstsein. Und dies als zentraler Einsatzraum der Landes- und Bündnisverteidigung, in dem ein Konflikt mit einem russischen Aggressor wieder wahrscheinlicher erscheint. Nur sind die Vorzeichen diesmal umgekehrt: Im Kalten Krieg sollte eine Invasion von Truppen des Warschauer Paktes über die Ostsee verhindert werden. Jetzt gilt es, die Ostsee als unentbehrlichen Transportweg für eine robuste Verstärkung der baltischen Verbündeten als auch zum Absichern der Handelswege, Daten- und Energieströme der Ostseeanrainer offenzuhalten.

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Der Marinestützpunkt Kiel ist der Sitz des Hauptquartiers der Einsatzflottille 1 (Fotos: Bundeswehr)

Die Voraussetzungen für diese Aufgabe haben sich auf den ersten Blick grundsätzlich verbessert. Der Großteil der Küstenlinie der Ostsee ist in den Händen des Bündnisses bzw. Schwedens und Finnlands. Diese beziehen mittlerweile eine eindeutige Position gegenüber Russland. Sie suchen über unterschiedliche Kooperationsverfahren einen engen Schulterschluss zu den Ostseeanrainern des NATO-Bündnisses. Lediglich der Oblast Kaliningrad und der östlichste Zipfel des Finnischen Meerbusens mit überschaubaren Küstenlinien werden von Russland kontrolliert. Die Kriegshäfen von Kronstadt/Sankt Petersburg und Baltisk beheimaten eine übersichtliche baltische Flotte, der die NATO-Marinen mit ihren nordeuropäischen Partnern eigentlich selbstbewusst gegenübertreten sollten. Trotzdem halten sich Einschätzungen von der Ostsee als Killbox. Große Gebiete rund um die Enklave Kaliningrad werden als sogenannte A2AD-Zone (Anti Access, Area Denial) bezeichnet, in der Systeme auch von Land und aus der Luft jedem Schiff den Zugang in die östliche Ostsee verwehren können. Diese äußerst pessimistische Bewertung beruht auf handfesten militärischen Entwicklungen der letzten Jahre, zu denen die jede Strategie beeinflussenden wirtschaftlichen, infrastrukturellen und sogar demografischen Rahmenfaktoren noch ergänzt werden müssen.

Veränderungen im Operationsraum

Trotz der erheblichen Zunahme freundlicher Küstenlinien ist die Operationsfreiheit in der Ostsee nicht größer geworden. Wesentliche Ursache ist das Entstehen eines engmaschigen militärischen und zivilen Sensornetzwerkes. Moderne Satellitenüberwachung sowie militärische und zivile Sensoren ermöglichen es, in weiten Teilen der Ostsee ein Echtzeitlagebild zu erhalten. Dieses macht ein unentdecktes Befahren der Ostsee praktisch unmöglich. Passive Aufklärungsmöglichkeiten im Bereich der signalerfassenden Aufklärung, der Auswertung ziviler Kommunikation aller Netze und die Möglichkeiten der Massendatenauswertung mithilfe von KI durch rechnergestützte Analyse ergänzen die aktiv gewonnenen Daten. Sie erlauben einem möglichen militärischen Gegner, die Initiative ohne vorbereitende Aufklärung zu ergreifen. In Verbindung mit der permanenten Verfügbarkeit moderner, sehr schneller und weitreichender Seezielflugkörper, welche von See, Land oder von Luftfahrzeugen aus verschossen werden können, entsteht ein Operationsumfeld, in dem ein Aggressor quasi aus dem Stand zu militärischen Schlägen ausholen kann. Ein substanzieller Zeitraum zur Vorbereitung auf solch einen Angriff wäre nicht gegeben.

Eigene Kontrolle über die und Reaktionsfähigkeit im Seeraum Ostsee ist nur durch das eigene kontinuierliche detaillierte Aufklären sowie das Beherrschen der gesamten Küstenlinie in hinreichender Tiefe zu Lande, zu Wasser und in der Luft möglich. Diese Form der Sicherung der Ostsee ist eine bündnisgemeinsame Anstrengung, in der der Deutschen Marine eine gewichtige Rolle zukommt. Ein Erfolg ist jedoch immer nur streitkräftegemeinsam an Land und in der Luft zu erringen. Diese Situation ist im Grundsatz für den Operationsraum Ostsee nicht neu. Auch im Kalten Krieg erwartete man in diesem Seegebiet kurze und harte Schlagabtausche mit eher taktischen, denn operativen Finessen. Die Lage heute ist also eine Fortschreibung altbekannter Entwicklungen, die letztendlich den operativen Freiraum eigener Kräfte gänzlich einzuschränken scheinen und den Träger der Initiative unverhältnismäßig bevorzugen.

Kommandoübergabe des 3. Minensuchgeschwaders von Fregattenkapi- tän Martin Schwarz (links) an Christian Meister durch den Kommandeur der Einsatzflottille 1, Flottillenadmiral Christian Bock (Bildmitte)

Signifikant für die aktuelle Situation ist zudem das hohe Tempo von Veränderungen und die Unübersichtlichkeit des militärischen Umfeldes. Die Rolle des Schrittmachers für Innovation ist bei uns längst vom Staat bzw. dem Militär auf den Bedarf des Individualkonsums in einer globalisierten Gesellschaft und Industrie übergegangen. Mit steigender Kadenz machen technologische Entwicklungen große Sprünge, die nur selten militärtechnisch getrieben sind. Häufig aber haben diese zivilen Entwicklungen deutliche militärische Implikationen. Dazu zählen neue Ortungs- und Kommunikationsverfahren über und unter Wasser, neue Lagebildaustauschverfahren oder Anwendungsfälle unbemannter Systeme. Ursprünglich zivil erdacht, kommen diese sowohl als agile Munition, als Trägerplattformen, als auch als Aufklärungssysteme zum Einsatz. Entsprechend werden neue technische Aufklärungs- und Störverfahren fast monatlich offenbar und zwingen permanent zum Nachdenken über die eigenen Fähigkeiten.

Mögliche Szenarien

Versucht man sich unter diesen Vorzeichen Szenarien in der Ostsee vorzustellen, wäre der offene militärische Konflikt zwar zunächst die schmerzhafteste, aber letztendlich die lösbarste Variante. Die Fähigkeit zur Selbstverteidigung der schwimmenden Einheiten, das Wirken gegen Ziele in der Luft, an Land und auf dem Wasser sind zumindest rudimentär vorhanden. Gelegenheiten zum Üben des hochintensiven Gefechtes im Verband und unter eingeschränkten Kommunikationsbedingungen sind aber heute jedoch aufgrund laufender Einsatzbindung und geringer Anzahl von Einheiten eingeschränkt. Fähigkeiten der Einsatzflottille 1 (EF 1) müssen schon aufgrund ihrer Expertise wesentliche Beiträge zu solch einer Bündnisauseinandersetzung leisten. Gemeinsam mit Heer und Luftwaffe werden die anrückenden NATO- und Partnerkräfte mit Schlüsselfähigkeiten wie Aufklärung, U-Booten, Minenabwehreinheiten oder Spezialkräften unterstützt. Insbesondere der Betrieb der Stützpunkte im Ostseeraum wäre in einem solchen Szenario eine Kernfähigkeit, welche den Einsatzwert und die Durchhaltefähigkeit der Bündnismarinen deutlich erweitert.

Auch wenn das Befahren der östlichen und mittleren Ostsee zunächst aufgrund der massiven Flugkörper- und wahrscheinlich auch Minenbedrohung zunächst eingeschränkt wäre, könnte der Einsatzraum durch die Bündnismarinen im Schulterschluss mit Land- und Luftstreitkräften sicherlich zurückerobert werden.

Drei der fünf zum 1. Korvettengeschwader gehörenden Korvetten der Braunschweig-Klasse

Hybride Szenarien wären jedoch schon aufgrund des strategischen Kräfteverhältnisses und der Konfliktkosten deutlich wahrscheinlicher. Schon heute gibt es Versuche, die territoriale Integrität unserer Partner im Ostseeraum durch Medienkampagnen zu untergraben. Sezessionsbewegungen von Minderheiten werden gefördert, die Kohärenz und der Entscheidungswillen von NATO und EU parallel getestet. Weitere Reassurance-Maßnahmen durch Seestreitkräfte oder Verstärkungen der NATO in Partnerländern als Antwort auf diesen Prozess werden durch nicht zuordenbare Events durch den Einsatz von Minen, weitreichenden Torpedos, Drohnen, Störungen des elektromagnetischen Spektrums etc. unter und über Wasser gestört. Es kann eine latente Bedrohung aufgebaut, der Seeverkehr gestört oder umgeleitet werden, ohne die Schwelle zum offiziellen Schießkrieg überschreiten zu müssen. Massen von Flugkörpern, Drohnenschwärme oder nadelstichartiger Einsatz von Flugzeugen bedrohen den Einsatz von Überwasserstreitkräften der NATO auf der Ostsee. Insbesondere Hochwerteinheiten, wie z.B. Truppentransporter oder große Überwassereinheiten, wären nur mit gewaltigem Aufwand gegen die latenten Bedrohungen zu schützen und im Eskalationsfall trotzdem einer wahrscheinlichen Vernichtung ausgesetzt.

Das westliche Bündnis ist so dem Dilemma ausgesetzt, entweder bereits in einem frühen Krisenstadium mit einem massiven Truppenaufgebot eskalatorisch zu wirken, oder aber das Risiko des Verlustes ungeschützter Kräfte einzugehen, ohne dabei den Gegner zu zwingen, die Stufe zum Schießkrieg zu überschreiten.

Antworten auf die Szenarien

Der Status quo

In dieser Situation durchsetzungsfähig zu werden, setzt sowohl den Aufbau und das Halten eines umfassenden Lagebildes über und unter Wasser sowie an Land voraus, als auch die Fähigkeit, selbst unterhalb der Eskalationsschwelle im Seegebiet operieren zu können. Im Eskalationsfall gilt es, überlebensfähig bzw. schwer abnutzbar zu sein, um bei der gewaltsamen Eroberung des Raumes Aufklärungs-, Kampf- und Unterstützungsbeiträge leisten zu können. Für diese Aufgaben ist die EF 1 grundsätzlich aufgestellt, jedoch noch nicht zukunftsfähig ausgerichtet.

Sechs leise Jäger der U-Bootklasse 212A gehören zum 1. U-Bootgeschwader

Die gesamte Flottille hat Expertise im Ostseeraum. Insbesondere Flottendienstboote, U-Boote Spezialkräfte und Minenkampfeinheiten tragen zum Aufbau und der Verdichtung eines permanenten Lagebildes bei. Sie sind temporär und lokal in der Lage, die Veränderung der Bedrohungslage zu detektieren und Bedrohungen einem Verursacher zuzuweisen. Allerdings fehlt die Fähigkeit, dies dauerhaft und flächendeckend zu tun, um ein echtes dimensionsgemeinsames Informationsnetzwerk aufzubauen. Dieses muss Angriffe eines Aggressors eindeutig zuordenbar machen und ihn somit zwingen, oberhalb der Eskalationsschwelle tätig zu werden, um seine Ziele zu erreichen. Die Überlebensfähigkeit der Einheiten ist bei den größeren seegehenden Systemen (U-Boot, Korvette, FD-Boot, Tender) materiell eingeschränkt. Die geringe Stückzahl dürfte zu einer zügigen Abnutzung der Fähigkeiten führen. Als geeignete Waffen stehen den seegehenden Einheiten die landzielfähigen Seezielflugkörper und 76-mm-Geschütze der Korvetten, Schwergewichtstorpedos der U-Boote gegen große Über- und Unterwasserziele sowie Marineleichtgeschütze, RAM und Fliegerfäuste zur Selbstverteidigung zur Verfügung. Die Möglichkeiten, sich im Krisenfall gegen „herrenlose“ Drohnen zur Wehr zu setzen, die erheblichen Reichweitenvorteile gegnerischer Waffensysteme auszugleichen oder seinerseits eine ernst zu nehmende Bedrohung für die in allen Dimensionen operierenden Einheiten des Gegners darzustellen, sind gering. Hinzu kommt, dass größtenteils veraltete Technik und personalintensive Plattformen Effizienz und Effektivität des Einsatzes einschränken und die Verfügbarkeit auch im Frieden regelmäßig infrage gestellt ist.

Aufklärung geht alle an: Tender “Werra” begleitet den russischen Zerstö- rers der Udaloy-Klasse “Vize-Admiral Kulakov” in der westlichen Ostsee im Dezember 2019 (Foto: Michael Nitz)

Bis auf die Korvetten haben fast alle seegehenden Hauptwaffensysteme der EF1 spätestens 2030 ihr Nutzungsdauerende erreicht, oder sind zumindest operativ obsolet. Es gilt deshalb, in die Zukunft zu blicken und Möglichkeiten der Weiterentwicklung ins Auge zu fassen. Der Schutz der existenziellen Stützpunkte stellt ebenfalls eine Herausforderung dar, für die nicht umfangreich Vorsorge getroffen ist. In den infanteristischen Verbänden ist die materielle Ausstattung aus qualitativer Sicht besser, allerdings besteht teilweise quantitativ ein höherer Bedarf.

Erkannter Entwicklungsbedarf

Die Einheiten der EF 1 sind grundsätzlich weltweit einsetzbar. Während die wesentlichen Trends wie permanente Sensorabdeckung, hohe Reichweiten und Agilität von Waffensystemen, Diversifizierung von Bedrohungen und Akteuren etc. globale Gültigkeit haben, ist die Situation in der Ostsee von der engen Geografie und einer militärisch potenten Nachbarschaft geprägt. Der erkannte, exemplarische Entwicklungsbedarf konzentriert sich hier auf die besonderen Anforderungen der Ostsee.

Führung

Die Herausforderung bei der Führungsfähigkeit liegt oberhalb der taktischen Ebene der EF1. Das künftige Baltic Maritime Component Commands (BMCC) wird die Lage deutlich verbessern helfen. Technische Lösungen zur Kommunikation und zum kontinuierlichen Lagebildaustausch in Echtzeit schon in Friedenszeiten sind bündnisgemeinsam weiterzuentwickeln und zusätzlich zu härten. Es ist zu erwarten, dass das elektromagnetische Spektrum im Operationsgebiet hart umkämpft sein wird. Klassischen, optischen Kommunikationsverfahren ebenso wie neuen Einsatzgrundsätzen, Verfahren, Taktiken und vorgeplanten Reaktionen im digitalen und Cyber-Kontext wird immense Bedeutung zukommen. Hier müssen wir besser werden. Schritte hierfür sind eingeleitet.

Aufklärung

Neben den zu regenerierenden Flottendienstbooten ist Aufklärung eine permanente Aufgabe für alle Einheiten der EF1. Der beschriebene Charakter des Einsatzgebietes Ostsee und die bekannten Trends an Reichweiten, Automatisierung und Datenverarbeitung legen die Errichtung eines permanenten Informationsnetzwerkes im Ostseeraum nahe, das aus einer Mischung aus mobilen und ortsfesten, bemannten und unbemannten Sensoren bestehen sollte. Dies sollte und kann heutzutage über und unter Wasser erzeugt und zentral verdichtet werden. Die Kommunikation in einem solchen Netzwerk wäre gegen Störungen zu härten bzw. redundant auszulegen. Mobile bemannte Plattformen, soweit erforderlich, wären möglichst klein und personalarm auszulegen, um Verluste verkraften zu können, gegnerische Aufklärung zu erschweren und größere Mengen an Plattformen beschaff- und betreibbar zu machen. Fähigkeiten wären im Schwerpunkt durch Softwarelösungen, unbemannte Subsysteme oder Module zu realisieren, um dem permanenten Modernisierungsbedarf Rechnung tragen zu können.

Wirkung

Im Bereich der Wirkung sind aktuelle Herausforderungen bereits angesprochen. Die Durchsetzungsfähigkeit klassischer Flugkörper und Torpedos wird vor dem Hintergrund immer besserer Abwehrsysteme infrage gestellt. Die Bedrohung durch kostengünstige Systeme ist real. Bewaffnete Kleindrohnen, die in großen Mengen omni-
direktional angreifen, machen koordiniert mit einer Störung des elektromagnetischen Spektrums die Verteidigung unmöglich oder überfordern heutige Systeme. Wirksame Antworten hierauf sind zu entwickeln. Erste Erprobungen von Wirklasern können hier eine Richtung weisen. Billige Antworten auf billige Bedrohungen tun aber not, um in einem Wettlauf mit einem innovativen Gegner erfolgreich zu sein. Die in der Landzielfähigkeit des RBS15 vorhandene Befähigung ist auszubauen und weiterzuentwickeln und nach Möglichkeit von der kostbaren und schwer zu schützenden Plattform Korvette zu trennen. Um den Einsatz konventionellerer Angriffssysteme in einem Zielgebiet vorzubereiten, sind hohe Geschwindigkeiten und anspruchsvolle Flugprofile zum Überwinden heutiger Flugkörperabwehrsysteme eine Grundvoraussetzung. Gegen Überwasserziele muss über eigene Drohnenschwärme über und unter Wasser oder über weitreichende Projektile nachgedacht werden. Die Fähigkeit zum Mineneinsatz muss reanimiert und ausgebaut werden. Solche Systeme sind einfach weiterzuentwickeln und können, intelligent programmiert, einen wesentlichen Beitrag zur Kontrolle der Ostsee leisten. Unterwasser sind die Mittel der Zukunft einfache Wirkmittel wie abstandsfähige Wasserbomben gegen Drohnen und U-Boote, ferngelenkte bzw. autonome Detektions- und Bekämpfungssysteme gegen Minen und ortsfeste Sensoren in Weiterentwicklung bewährter Systeme. Der Einsatz solcher Systeme im Mix von Plattformen an Land, in der Luft und auf See ist in anderen Regionen der Welt State of the Art und in Verbindung mit dem beschriebenen Aufklärungsnetzwerk notwendig. Vor dem Hintergrund der vorhandenen Torpedoabwehrfähigkeiten ist zu überlegen, inwieweit klassische Torpedos zu Plattformen von Aufklärungs- oder Wirkmitteln weiterentwickelt werden können und die Bekämpfung von Überwasserzielen und U-Booten mittels durchsetzungsfähigerer Submunition erfolgen kann. Der Flugkörper IDAS ist mehr als überfällig und könnte in jedem Fall eine sinnvolle Ergänzung des Aufklärungs- und Wirkpotenzials von U-Booten darstellen.

Unterstützung

Die Leistungsfähigkeit der Stützpunkte wäre im Konfliktfall ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg des Bündnisses. Von der Unterstützung der Kampfeinheiten unserer Verbündeten über den Umschlag von Truppen bis hin zur Basis zur Verbringung autonomer Sensoren und weitreichender Wirkmittel sind sie Enabler und Force Multiplier zugleich. Möglichst autonome Stützpunkte spielen bei gut ausgebautem Schutz eine zentrale Rolle für den langen Atem der NATO. Automatisierte Flugkörperabwehr- und Harbour Protection-Fähigkeiten als auch infrastrukturelle Härtung der umliegenden Infrastruktur verringern erheblichen Störungen. Der Transport von Spezialkräften und kleinen Trupps der Marineinfanterie muss mit kleinen schnellen Booten und im Fall der Spezialkräfte auch mit Unterwasserfahrzeugen unabhängig von größeren Einheiten über größere Strecken möglich sein, um diese schwer bekämpfbar und Verluste verkraftbar zu machen. Die Tender als reine Unterstützungs- und Führungsplattform haben in einem derart intensiven Bedrohungsumfeld sicherlich keine Zukunft. Sie wären aber in weiter entfernten und weniger hart umkämpften Gebieten in Verbindung mit Subsystemen aus Aufklärung und Wirkung besonders wertvolle Assets und können dementsprechend als Multifunktionsplattform mit hoher Seeausdauer ausgelegt werden.

Zusammenfassung

Die gezogenen Schlussfolgerungen lesen sich wie eine schier endlose Wunschliste von technischen Lösungen. Sie sind nicht abschließend und zum Zeitpunkt, in dem Sie sie lesen, unter Umständen schon wieder überholt. Sie sollen aber einen wesentlichen Trend verdeutlichen. Hohe Reichweiten und das Trennen von Sensoren und Wirkmitteln, Vernetzung und Diversifizierung von Wirkung im gesamten, hybriden Spektrum haben den Schwerpunkt weg von wenigen, kampfkräftigen Plattformen hin zu zahlreichen, vernetzten, häufig autonomen oder ferngelenkten Systemen verschoben. Große Stückzahlen, moderne, aber günstige Technik mit schnellen Innovationszyklen bestimmen das Geschäft.

Die wirklichen Herausforderungen sind nur bedingt technisch, sondern in erster Linie intellektuell, kulturell und gesellschaftlich. Den Dschungel der Informationen zu durchdringen, um relevante Informationen für die eigene Verteidigungsfähigkeit herauszufiltern, ist die eigentliche Herkulesaufgabe. Aktuelle Entwicklungen zu verfolgen, ihre Auswirkungen auf die organisierte Gewaltanwendung zu erfassen, die Relevanz nüchtern einzuschätzen und Reaktionsmöglichkeiten zu ersinnen, ist die zentrale Aufgabe von Streitkräften. Expertise im Raum und in der Natur des Krieges sind die Grundvoraussetzungen, Lernbereitschaft und tabulose Analysefähigkeit sind die erforderlichen Eigenschaften, um Veränderungen zu gestalten. Neue Innovationsfähigkeit muss den aus der Zeit gefallenen Rüstungsprozessen und der Rüstungsindustrie eingehaucht werden. Das muss die Gesellschaft wollen. Unser Kapital sind junge, kluge Köpfe, leidenschaftliche Soldaten und professionelle Seeleute, die neue Prozesse, Partner und Ideen einbringen und umsetzen wollen, um unser Rüstzeug bedrohungsgerecht weiterzuentwickeln. Technologien gibt es, der Bedarf ist identifiziert, sie müssen teils aber „on the job“ nutzbar gemacht werden, heute und nicht in 15+ Jahren. Dafür ist die weitere Zukunft zu komplex und ungewiss. Die Ostsee ist zu klein, um diverse Innovationszyklen zu verschlafen. Denn die heute schon verfügbaren Möglichkeiten, um sie als Einsatzraum zu beherrschen, werden von anderen Seiten heute schon genutzt.

Autor: Kapitän z.S. Richard Kesten ist Chef des Stabes der Einsatzflottille 1.