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Interview mit Martin Kaloudis, Chief Executive Officer (CEO) und Vorsitzender der Geschäftsführung der BWI GmbH

ES&T: Die BWI war Anfang des Jahres in die Kritik gekommen. Wie würden Sie den damaligen und jetzigen Zustand beschreiben?

Kaloudis: Vor meinem Einstieg als CEO im April 2019 gab es medial Kritik vor allem zum Liquiditätsstatus der BWI. Hier ist allerdings festzuhalten, dass die damalige Berichterstattung in den Medien nicht immer sachgerecht war. Die BWI war nie illiquide, und es gibt auch für eine Bundesgesellschaft kaum ein denkbares Szenario, in dem eine solche Situation eintreten könnte. Denn schließlich sichert uns die Bundesrepublik Deutschland intensivst ab. Das Szenario, das die Medien heraufbeschworen haben, war also konstruiert und definitiv nicht sachgerecht.

Seit dem 1. April 2019 ist Martin Kaloudis Chief Executive Officer (CEO) und Vorsitzender der Geschäftsführung der BWI GmbH. (Fotos: BWI)

Gerade im Jahr 2017 war für die BWI aber auch einiges neu: Aus einem BWI-Leistungsverbund mit zwei Gesellschaften wurde ein Unternehmen als Inhousegesellschaft des Bundes. Und ein großes Unternehmen wie die BWI ist nie am Ende ihrer Optimierung, es gibt immer Stellschrauben, durch die sich Verbesserungen erreichen lassen. Insofern gab und gibt es natürlich erforderliche Anpassungen und Nacharbeiten. Um ein Beispiel zu nennen: Jede der beiden GmbH hatte ein eigenes SAP-System. Diese beiden SAP-Systeme mussten erst einmal zusammengeführt werden. Und jeder, der jemals eine Rechnungswesen-IT eingeführt hat, weiß, was für ein großes Unterfangen dies ist. Es dauert einfach seine Zeit, bis man schließlich eine einheitliche Systemlandschaft hat, die für eine solide Auswertung die notwendige Grundlage bietet. Insofern hat die BWI seit der Gründungsphase als Inhousegesellschaft auch heute noch einige Anpassungsarbeiten vor sich. Dieser Prozess begann allerdings schon lange vor meinem Amtsantritt, sodass wir ihn in diesem Jahr weitestgehend abschließen können. Damit haben wir für die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft eine stabile Basis geschaffen. Dies ist nicht zuletzt gelungen, weil die BWI aus einem tollen Team besteht. So viel Leistungswillen und höchste Expertise verbunden mit einer enormen Loyalität zum Unternehmen, aber auch zu den Kunden finden Sie im Markt selten.

ES&T: Wie muss man sich die neue Struktur und Ausrichtung vorstellen?

Kaloudis: Wir als Geschäftsführung sind ja ein komplett neues Management-Team seit April 2019. Und wir stellen nun wesentliche Elemente der Gesellschaft auf neue Füße, ausgerichtet auf die Zukunft. Denn unser künftiges Aufgabenspektrum wird durchaus anders aussehen als das heutige. Wir sind auf einem Wachstumspfad und werden in der Zukunft deutlich mehr Aufgaben für unsere Kunden übernehmen. Um hierfür gewappnet zu sein, haben wir der BWI eine Transformation entlang der drei Handlungsstränge „Struktur“, „Strategie“ und „Kultur“ verordnet.

Im Handlungsfeld „Struktur“ haben wir eine neue Aufbau- und Ablauforganisation etabliert, die komplett kundenorientiert ausgerichtet ist. Nicht nur auf der Vertriebsseite, sondern auch in der Produktion bedienen wir unsere Hauptkunden in eigenen Organisationseinheiten. Dabei liegt unser besonderer Fokus auf der Bundeswehr und ihren Anforderungen. Diese Struktur haben wir im August 2019 eingenommen. Für ein Unternehmen mit fast 5.000 Beschäftigten eine echte Herkulesaufgabe.

Als zweite große Säule schreiben wir aktuell die Unternehmensstrategie neu, selbstverständlich in Abstimmung mit unserem Eigentümer und  dessen Strategie. In der neuen Unternehmensstrategie fokussieren wir uns auf unsere zukünftigen Aufgaben. Sehr klar und bodenständig. Und wir richten die Ziellandschaft der BWI neu aus. Um ein Beispiel zu nennen: Die BWI hat bislang in ihrem Zielsystem nicht die Themen soziales Engagement oder CO2-Klimaziele. Wir sind uns jedoch sicher, wenn die Generation unserer Kinder, die Millennials, uns als Arbeitgeber attraktiv finden soll, müssen wir uns auch klar entlang wichtiger sozialer Themen ausrichten. Dazu gehört beispielsweise auch, dass wir klimaneutral produzieren. Dass wir mit Digitalisierung und Umwelt damit zwei toprelevante politische Themen bedienen, ist uns besonders wichtig.

In unserem aktuellen Veränderungsprozess müssen und wollen wir fast fünftausend Kolleginnen und Kollegen und Soldatinnen und Soldaten mitnehmen. Deshalb haben wir eine Kulturinitiative gestartet, welche die Prinzipien unseres Miteinanders in der Zukunft beschreiben und begreifbar machen soll. Denn die Beschäftigten der BWI sollen sich in einem beruflichen Umfeld bewegen, in dem sie sich nicht nur wohlfühlen, sondern das auch ihre Leistung optimal fördert.

ES&T: Wie sieht das genannte neue Leitbild der BWI aus?

Kaloudis: Leitbild ist nicht ganz der richtige Begriff; in der Strategieentwicklung sprechen wir von Vision und Mission Statement. Die Vision der BWI lautet: „Wir sorgen für die digitale Zukunftsfähigkeit unseres Landes“. Deshalb stehen wir jeden Morgen auf und gehen zur Arbeit. Dies trägt und motiviert uns.

Und wie wollen wir die digitale Zukunftsfähigkeit unseres Landes sicherstellen? Welche Mission steckt dahinter? Die Antwort lautet: „Wir befähigen Menschen und staatliche Organisationen, mit leistungsstarker, zuverlässiger und vor allen Dingen sicherer IT ihre vielfältigen Aufgaben Tag für Tag zu bewältigen“. Das ist das neue Leitbild. Und daraus leiten wir die Ziele ab.

ES&T: Wie bildet die Organisationsstruktur dies ab?

Kaloudis: Wie ich bereits ausgeführt habe, haben wir im August eine neue Organisationsstruktur eingenommen. Ich bin mir allerdings sicher, dass diese Struktur auch Bestandteil des Wandels sein wird. Wir können niemals sagen, wir sind jetzt fertig, sondern wir lernen und verändern uns ständig – eigenmotiviert, aber auch weil unser Umfeld sich ständig wandelt.

Wir haben eine Struktur geschaffen, die kundenorientiert aufgestellt ist. In der IT-Produktion haben wir so genannte Business Units etabliert, die wir gemäß unserer Kunden und unserer Leistungs-Cluster aufstellen. Eine wird zum Beispiel Business Unit Military IT heißen. Dort werden wir IT entwickeln, die noch stärker in das System der Bundeswehr integriert ist als es heute mit SASPF der Fall ist. Hinzu kommt ein Bereich der sogenannten Shared Services. Darin sind Funktionen enthalten wie Rechenzentrumsbetrieb, Field Service etc., die von allen Business Units genutzt werden. Mit rund 3.500 Kolleginnen und Kollegen hat sie auch den größten Mitarbeiterstamm.

Um von einem Systemhaus zum Digitalisierungspartner der Bundeswehr und des Bundes zu werden, wandeln wir uns zudem von einem reinen Betreiber der IT hin zu einem Berater. Wir wollen unsere Kunden zukünftig bereits beim Aufsetzen ihrer Digitalisierungsvorhaben unterstützen. Jeder von uns weiß, dass wesentliche Entscheidungen in der Design-Phase, also im frühen Entwicklungsprozess, getroffen werden. Wenn dort Fehler gemacht werden, ist es oft sehr aufwendig und kostenintensiv, diese nachträglich zu ändern. Deswegen haben wir uns bewusst entschieden, eine sogenannte Frühphasen-Beratung für unsere Kunden anzubieten und bauen hierfür eine eigene Beratungseinheit auf, in der wir mit eigenem Personal unsere Kunden unterstützen werden. Für uns ein klares Investment, damit die BWI Digitalisierungspartner für die Bundeswehr und andere Behörden sein kann.

Der neue BWI-Standort in Bonn-Auermühle

ES&T: Wie würden Sie insgesamt das aktuelle IT-System der Bundeswehr bewerten?

Kaloudis: Das IT-System der Bundeswehr ist ausgesprochen komplex. Es umfasst einsatznahe und administrative IT; zur HERKULES-Zeit als „grüne“ und „weiße“ IT bezeichnet. Heute betrachten wir das IT-System ganzheitlich und denken nicht mehr in diesen Kategorien. Denn jede IT, die die BWI heute betreibt, ist mission critical. Der eigentliche Kern ist doch, dass alle Systeme reibungslos zusammenwirken müssen, um die Streitkräfte bestmöglich bei ihrer Auftragserfüllung zu unterstützen. Der Betrieb des IT-Systems der Bundeswehr im Inland ist gewissermaßen das Brot-und-Butter-Geschäft der BWI, es ist auf Stabilität und Qualität ausgerichtet. Ein Spannungsfeld dabei ist es, bei höchster Stabilität trotzdem ausreichend technologisch und architekturell modern zu bleiben. Manche denken, dass sich das widerspricht. Ich bin aber der Meinung, dass sich nur mit Architekturen und Technologien nach den aktuellen Regeln der Technik auf Dauer ein stabiler Betrieb gewährleisten lässt. Aus meiner Sicht sind Bundeswehr und BWI gut aufgestellt, um dieses Spannungsfeld bestens zu beherrschen und das IT-System kontinuierlich zu modernisieren, um eine gute Basis für die Digitalisierung zu haben.

Wenn sie mit ihrer Frage allerdings meinten, ob das IT-System der Bundeswehr heute schon ausreichend digitalisiert ist, dann lautet meine Antwort: „Nein“. Wir können in dem einen oder anderen Bereich sicherlich noch mehr tun, um moderner und digitaler zu werden. Deshalb arbeiten wir, Bundeswehr und BWI, in digitalen Programmen auch an neuen Geschäftsfeldern, Stichwort D-LBO, Digitalisierung des Heeres, oder Digitalisierung des Sanitätsdienstes beziehungsweise der Gesundheitsversorgung. In vielen Bereichen der Bundeswehr gibt es eine ganze Menge Digitalisierungsarbeit. Ich finde, dass dies auch ein Stück weit normal ist. Es bedeutet auch eine Menge Arbeit für die Zukunft, was wiederum ein wesentlicher Auslöser für die wachsenden Anforderungen der Bundeswehr an die BWI ist. Uns wird also garantiert nicht langweilig.

ES&T: Wenn es keine weiße und grüne IT mehr gibt, wo liegt dann die Trennung zwischen der Bundeswehr IT und der BWI?

Kaloudis: Wenn Sie von militärischer IT sprechen – Einsatzsysteme, die etwa auf Fregatten, in Panzern oder in Kampfjets verbaut werden – dann sprechen wir von monolithischen Blöcken. Sie kaufen schließlich keinen Kampfjet, dazu separat ein extra IT-System und brauchen dann einen Systemintegrator, der womöglich das Waffensystem, das Steuerungssystem und das Flugsteuerungssystem miteinander verbindet. Das sollte man so auch nie machen. Es sind also geschlossene Systeme, die gemeinsam perfekt funktionieren müssen. Solche Aufgaben wird eine BWI deshalb auch in Zukunft nicht übernehmen.

Die BWI wird allerdings in Zukunft mehr Aufgaben wahrnehmen, die sich mit einsatznahen IT-Systemen der Bundeswehr befassen. Beispielsweise bei der Digitalisierung landbasierter Operationen, dem gemeinsamen Lagezentrum, bei dem wir seitens der BWI im Oktober auch in den Betrieb eingestiegen sind. Oder die Übernahme des IT-Services in Auslandsliegenschaften, die wir bald prototypenhaft im Kosovo beginnen. An diesen Prototypen wollen wir lernen, inwieweit wir auch Auslandsliegenschaften dauerhaft betreuen können, damit sich jene Soldatinnen und Soldaten, die diesen Job heute machen, wieder ihrer Kernaufgabe im Militär widmen können.

ES&T: Bedeutet dies auch eine Betreuung im Einsatz?

Kaloudis: Wir beginnen heute mit einem ersten Prototyp im Vor-Ort-Service im Kosovo, einem Einsatz der Bundeswehr, der sich auf die Überwachung der Entwicklung von professionellen, demokratischen und multiethnischen Sicherheitsstrukturen konzentriert und bei dem die Bundeswehr auf eine enge Zusammenarbeit mit lokalen Autoritäten und internationalen Organisationen setzt. Hier wollen wir erste Erfahrungen sammeln und lernen, was es bedeutet, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dorthin zu entsenden und in einem Auslands-Camp einzusetzen, in dem die Bundeswehr stationiert ist. Anhand der Ergebnisse werden wir uns weiter in engem Zusammenschluss mit der Bundeswehr ausrichten. Wenn sie also heute fragen, ob die BWI in Zukunft auch alle Einsätze der Bundeswehr vor Ort unterstützen wird, die Trennung zwischen weißer und grüner IT komplett wegfällt, dann kann ich diese Frage nicht beantworten. Wir streben dies so weit wie möglich an, müssen aber erste Erfahrungswerte abwarten, bevor ich eine verlässliche Antwort darauf geben kann.

Das Interview führte Dorothee Frank.