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Interview mit Generalmajor a.D. Yoav Har-Even, Präsident und CEO von RAFAEL Advanced Defence Systems Limited

ES&T: Welche geschäftlichen Referenzen hat RAFAEL bei der Bundeswehr?

Har-Even: RAFAEL kann auf eine erfolgreiche 20-jährige Zusammenarbeit mit der Bundeswehr verweisen. Anfang der 2000er Jahre beschaffte die Luftwaffe für ihre Tornado- und Eurofighter-Flotte den Navigations- und Zielbeleuchtungsbehälter Litening II und die Aufklärungspods Reccelite. Darüber hinaus haben wir auch die Bodenstationen der Luftwaffe für Reccelite und die Drohne Heron geliefert. Wir hoffen, dass sich die Luftwaffe bald für die neuen und innovativen Litening 5 sowie die Reccelite XR-Pods interessieren wird. Seit fast zehn Jahren wird unsere Spike LR erfolgreich von der deutschen Infanterie eingesetzt und bald auch auf dem Schützenpanzer Puma integriert. Die von RAFAEL in Deutschland durchgeführten Programme waren von einem hohen Maß an industrieller Zusammenarbeit geprägt, einschließlich Technologietransfers, z.B. im Bereich taktischer Flugkörper als wesentliche Voraussetzung für die Marktführerschaft des deutschen Unternehmens Eurospike in diesem Segment. RAFAEL hat sich als zuverlässiger Industriepartner erwiesen und bietet einen hohen technologischen Mehrwert für die Programme, an denen das Unternehmen in Deutschland beteiligt ist. Ich möchte auch unsere Beteiligung als Hauptauftragnehmer an ErzUntGlas (Erzeugung eines gläsernen Gefechtsfeldes zur Unterstützung dynamischer Operationen), einer Bundeswehrstudie zur Untersuchung des Einsatzes von Drohnen, erwähnen.

ES&T: Unterhält RAFAEL Partnerschaften mit deutschen Unternehmen?

Generalmajor a.D. Yoav Har-Even ist Präsident und CEO von RAFAEL Advanced Defence Systems Limited (Fotos RAFAEL)

Har-Even: Wir können mit Stolz auf unsere enge Zusammenarbeit mit einer Reihe führender deutscher Unternehmen in verschiedenen Bereichen verweisen. Dies ist Teil unserer globalen Strategie vor dem Hintergrund wachsenden Bedarfs an mehr internationalen Partnerschaften für den Erhalt des Wissenstransfers und die Anpassung bestehender Lösungen an die spezifischen Bedürfnisse der Anwender. Zu diesen deutschen Unternehmen gehören Diehl Defence für Spike und SPICE, Rheinmetall für Spike, KMW für das aktive Schutzsystem Trophy, Dynamit Nobel Defence für Waffenstationen und ATOS Germany für ErzUntGlas. Diese Zusammenarbeit umfasst den Transfer von hochwertigem Know-how und Arbeitsanteilen. RAFAEL ist daher ständig auf der Suche nach neuen Partnerschaften und Joint Ventures mit deutschen Unternehmen für eine Zusammenarbeit, die dazu beitragen soll, unsere gegenseitige Fähigkeit, lokale Bedürfnisse und operative Anforderungen zu erfüllen, voranzutreiben.

ES&T: Sie erwähnten das Flugkörpersystem Spike für die Infanterie, die Spezialkräfte und als Bewaffnung für den Puma. Welche weiteren Perspektiven gibt es für Spike in Deutschland?

Har-Even: Die Bundeswehr ist eine führende Nutzernation von Spike und setzt jährlich Dutzende von Flugkörpern mit hervorragenden Ergebnissen in der Ausbildung ein. Daneben veranstaltet die Bundeswehr im kommenden Mai den 17. Spike User Club, an dem alle 33 Anwendernationen teilnehmen werden. Darüber hinaus bietet Eurospike, unser lokales Joint Venture mit Unterstützung der Gesellschafter RAFAEL, RDE & Diehl Defence, ein Mid-Life-Upgrade für den Kampfhubschrauber Tiger mit Spike ER2 an, als der fünften Generation von Spike ER, der bereits auf dieser Plattform integriert ist.

ES&T: In welchen Versionen und für welche Anwendungen ist der Flugkörper international im Einsatz? Wie viele Versionen gibt es insgesamt?

Har-Even: Mit fünf Varianten für Reichweiten von 500 m bis 30 km ist Spike eine hochmoderne, präzise, elektro-optische Flugkörperfamilie für eine Vielzahl von Missionen und Plattformen, die sowohl Fire and Forget als auch Abschuss, Beobachtung und Aktualisierung sowie den Angriff auf versteckte Ziele ermöglicht. Die Spike-Familie der fünften Generation wurde von 33 Nationen ausgewählt, wobei mehr als 30.000 Flugkörper geliefert und in mehr als 45 unterschiedliche Plattformen integriert wurden. Spike ist eines der am häufigsten verwendeten und ausgereiftesten ATGM-Systeme auf dem Markt. Die elektro-optische Führung von Spike ist 100 Prozent immun, was auf seine Passivität und die sehr geringe Anfälligkeit für Störungen, Spoofing und Erkennung im Gegensatz zu lasergeführten Systemen zurückzuführen ist. Von dem in Deutschland von Eurospike gefertigten Waffensystem Spike sind bisher Tausende von Flugkörpern produziert worden, sowohl für den deutschen Markt als auch für den Export. Die länderübergreifenden Gemeinsamkeiten von Flugkörpern und Startgeräten ermöglicht es den Nationen, gemeinsame Flugkörperbestände zu verwalten, gemeinsam zu beschaffen und sich gegenseitig zu unterstützen. In Verbindung mit Produktionsstätten innerhalb Europas bei lokalen KMU ist Spike ein wirklich gemeinsamer europäischer Flugkörper.

Abschuss eines Spike-Flugkörpers von einem Black Hawk-Hubschrauber

ES&T: Welche Möglichkeiten bietet die Firefly-Variante der Spike-Familie für den abgesessenen Infanteristen? Ist sie in Verwendung?

Har-Even: Spike Firefly ist bei einem Nutzer im Einsatz, der nicht genannt werden möchte. Es handelt sich um eine leichte Miniatur-Loitering-Munition, die für die abgesessene Infanterie zum Einsatz gegen Ziele hinter Deckung entwickelt wurde. Firefly wird den Bedarf an der klassischen Infanteriedoktrin der Zielbekämpfung durch frontales Vorgehen gegen feindliches Feuer, was häufig zu Verlusten führt, verändern. Spike Firefly ist eine tragbare, bewaffnete Koaxialplattform, die zwei gegenläufige Rotoren, einen miniaturisierten Doppelsucher mit ungekühlten IR- und Tagesfarb- sowie Annäherungssensoren für die Wirkung umfasst. Sie wiegt weniger als drei Kilogramm (Munition) und ist damit eine der leichtesten Loitering Munitions ihrer Klasse.

Darüber hinaus verfügt Spike Firefly über eine bidirektionale Datenverbindung in militärischer Qualität, die es dem Bediener ermöglicht, Echtzeitbilder vom Suchkopf zu empfangen und bewegliche und stationäre Ziele anzugreifen, während sie verdeckt sind. Firefly verfügt über einen innovativen abnehmbaren Gefechtskopf, der gemäß den operationellen Anforderungen der Kunden Wachstumspotenzial für die Einbettung verschiedener Nutzlasten bietet.

ES&T: Welche Fähigkeiten bieten Sie für die Digitalisierung der deutschen Landstreitkräfte und die VJTF 2023?

Har-Even: Die Kernkompetenz von RAFAEL besteht darin, eine Kombination aus Digitalisierungstechnologie, Systemarchitektur-Know-how und umfangreicher operativer Erfahrung anbieten zu können, die durch den Einsatz der Systeme und die Unterstützung beim Einsatz solcher Systeme im realen Gefecht gewonnen wurde. Diese Assets können Deutschland sehr effektiv dabei helfen, das gesteckte Ziel zu erreichen und damit die Digitalisierungsfähigkeit der Streitkräfte deutlich zu verbessern. Vor diesem Hintergrund haben wir den revolutionären Fire Weaver entwickelt, ein vernetztes Kampfsystem für taktische Kräfte – nämlich die Sensoren, Effektoren und Kämpfer – und nicht nur für die Kommandeure. Fire Weaver bietet eine präzise und GPS-unabhängige gemeinsame visuelle Sprache in Echtzeit auf dem Waffenvisier (Sensor oder Schütze) und nicht auf einer digitalen Karte, wie sie vom Battlemanagementsystem angezeigt wird. Fire Weaver verbessert die menschliche Analyse und Entscheidungsfindung, indem es automatisch und sofort den relevantesten Effektor für jedes Ziel auswählt, unter Berücksichtigung der Einsatzregeln, des Standortes, der Sichtlinie, des aktuellen Munitionsstatus und vieler anderer Parameter. Fire Weaver arbeitet optimal bei der Verwendung eines leistungsstarken Kommunikationsnetzwerks wie RAFAELs BNET, das mit der patentierten Technologie – Multi-Frequency Channel Reception (MCR) – erweitert wurde, die es ermöglicht, Informationen von Hunderten von Frequenzkanälen gleichzeitig mit einem einzigen RF-Kopf zu empfangen und zu analysieren. Dies ermöglicht eine Netzwerkrate von 100 Mbit/s und erleichtert die Bildung eines einzigen „flachen“ Netzwerks, das für bis zu Tausende von Funkgeräten skaliert werden kann.

Die Bundeswehr hat in den letzten Jahren wichtige Schritte unternommen, um ihre Einsatzfähigkeit zu verbessern, um auf die Herausforderungen des zukünftigen Gefechtsfeldes und die kommenden Bedrohungen vorbereitet zu sein. Einer der Hauptaspekte dieser Maßnahmen ist das Programm D-LBO/TEN – Digitalisierung von landgestützten Operationen. Die Einführung von Fire Weaver in die Bundeswehr wird zu einer Reihe bedeutender Veränderungen führen: Es wird eine gemeinsame Bildsprache zwischen den verschiedenen Einheiten nicht nur der Bundeswehr, sondern auch der alliierten Streitkräfte, die sich den gleichen Bedrohungen und Missionen gegenübersehen, schaffen.

ES&T: Vor allem im Kommunikations- und C4I-Bereich sind militärische Kunden oft besorgt über die sogenannten Black Boxes. Gibt es solche Black Boxes in den Lösungen, die Sie in Deutschland anbieten?

Har-Even: Wir sind uns dieser Bedenken bewusst, weshalb wir in dieser Hinsicht besonders darauf achten, transparent und offen zu sein. Das BNET-System von RAFAEL ist nicht nur getestet und erprobt worden, um sicherzustellen, dass es keine sogenannte Black Box gibt, sondern wir haben sogar gemeinsam mit Kunden in mehreren Ländern Projekte zur Implementierung von Kunden-Software und Workflows auf BNET durchgeführt.

ES&T: Gibt es in Ihren Systemen proprietäre Software, und wie anpassungsfähig sind Ihre Systeme an nationale Lösungen, die auf proprietärer Software laufen könnten?

Har-Even: BNET ist ein echtes Software Defined Radio (SDR), d.h. es verfügt über eine offene Architektur, die sowohl RAFAEL-Software als auch kundendefinierte Software, einschließlich nationaler Lösungen, aufnehmen kann. Darüber hinaus basiert BNET auf IP-Technologie, um Anpassungsfähigkeit und Integration besonders schnell und einfach zu gestalten, wie wir es bei Kunden auf der ganzen Welt immer wieder unter Beweis gestellt haben.

ES&T: SPICE-250 ist Ihre neue Abstandswaffe für luftgestützte Einsätze. Was sind die besonderen Merkmale dieses Waffensystems, und wie sehen die Perspektiven Ihrer Partnerschaft mit dem deutschen Unternehmen Diehl Defence in dieser Hinsicht aus?

SPICE-250 ist das neueste Mitglied der SPICE-Familie. Das Akronym steht für Smart Precise Impact and Cost-Effective Guidance Kit

Har-Even: SPICE-250 ist in der Tat das neueste Mitglied der SPICE-Familie. Es handelt sich um eine neue Generation von Präzisions-Lenkmunition (Precision Guided Munition, PGM). SPICE-250 hat eine Reichweite von 100 Kilometern und ist eine autonome Waffe mit Echtzeit-Zielpositionierungsfunktion. SPICE-250 verwendet eine gemeinsame Flugzeug-Schnittstelle und ein ausgeklügeltes Smart Quad Rack (SQR), was den Aufwand für die Flugzeugintegration vereinfacht. Jedes SQR ist mit je vier SPICE-250 bestückt. SPICE-250 verfügt über eine Breitbanddatenverbindung, die einen Echtzeit-Videostream vom Suchkopf zum Cockpit überträgt und damit Man in the Loop ermöglicht. Es bietet somit die einzigartige Fähigkeit, sicherzustellen, dass das richtige Ziel getroffen wird, zusätzlich zum Battle Damage Assessment und der Möglichkeit des Missionsabbruchs. RAFAEL hat ein Partnerschaftsabkommen mit der deutschen Diehl Defence als Generalunternehmer in Deutschland.

ES&T: Die Aufklärungs- und Zielsysteme Reccelite und Litening sind bereits bei bemannten Luftfahrzeugen der Luftwaffe im Einsatz. Inwieweit sind sie für UAS-Anwendungen geeignet?

Har-Even: Reccelite ist ein Echtzeit-Antennen-ISR-System, das sich für UAS-Anwendungen eignet. Der aktuelle Reccelite kann auf einem MALE RPV integriert und im Line-of-Sight-Modus mit den aktuellen Bodenauswertungssystemen (GES) betrieben werden. Für den NLOS-Betrieb ist SATCOM erforderlich, das mit dem fortschrittlichen RecceLite-System, dem XR, realisiert werden kann. Es ist ein Upgrade auf das bestehende GES erforderlich. Litening ist ein kampferprobter multispektraler luftgestützter Zielbehälter, der weltweit im Einsatz ist. Über 1.500 Pods wurden bereits an Kunden auf der ganzen Welt verkauft und auf mehr als 20 Plattformen integriert: westlich, östlich, europäisch und darüber hinaus.

Die Loitering-Munition Firefly wird voraussichtlich 2020 von einem nicht genannten Kunden erstmals eingeführt

ES&T: Welche Relevanz hat die Bundeswehr im Vergleich zu anderen Exportkunden, und wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung Ihres Exportgeschäfts weltweit?

Har-Even: Die Bundeswehr ist eine fortschrittliche westliche Armee mit starker Rolle in der NATO. Im Großen und Ganzen ist die Bundeswehr sehr international orientiert, was zusätzliche Aspekte der Logistik und Instandhaltung mit sich bringt.

Die internationalen Partner Deutschlands wie Frankreich und die Niederlande machen Deutschland für uns noch attraktiver, da die meisten europäischen Armeen Deutschland als Autorität bei der Auswahl von Technologie und modernen Waffensystemen betrachten, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass die Verteidigungsindustrie in Deutschland über sehr fortschrittliche Forschungseinrichtungen und Verfahren zur Bewertung von Verteidigungstechnik verfügt.

Die kommenden internationalen Programme wie MGCS und FCAS sind für uns sehr attraktiv, und wir suchen Partnerschaften mit lokalen (deutschen und französischen) Unternehmen, um unsere Fähigkeiten in diese großen Programme einzubringen.

Wir sehen in Deutschland und in vielen anderen Ländern zwei wesentliche Neuentwicklungen: die Digitalisierung und den Fahrzeugschutz. Deshalb glauben wir fest an das gefechtserprobte System Trophy als das richtige aktive Schutzsystem für die Fahrzeuge der Bundeswehr. Aufgrund dieser Entwicklungen, neben dem, was wir mit unserer Flugkörperfamilie Spike und den luftgestützten Systemen Reccelite und Litening erreicht haben, arbeiten wir darauf hin, unser Geschäft in Deutschland zusammen mit unseren deutschen Partnern zu vertiefen und auszubauen.

Die Fragen stellten Peter Boßdorf, Dorothee Frank und Jürgen Hensel.