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Steilfeuer trägt maßgeblich zur Feuerüberlegenheit moderner Streitkräfte bei. Die Relevanz von Feuerunterstützung nimmt dabei immer weiter zu, so haben Untersuchungen gezeigt, dass bis zu 60 Prozent der Ausfälle im Ersten Weltkrieg, bis 70 Prozent im Zweiten Weltkrieg und bis zu 80 Prozent der Ausfälle im jüngsten Konflikt auf dem Donbass (Ukraine) durch Steilfeuersysteme (Artillerie und Mörser) verursacht wurden.

Genau diese Systeme sind in den Streitkräften der NATO nach dem Fall des Eisernen Vorhanges aus dem Fokus gerückt. So ist es nicht verwunderlich, dass die NATO auf diesem Gebiet den Streitkräften Russlands und Chinas sowohl im Hinblick auf der Quantität (Anzahl der Systeme) als auch Qualität (Reichweite und Wirkung) deutlich unterlegen ist. Auch wenn viele der russischen und chinesischen Systeme sich aus in die Jahre gekommenem Gerät zusammensetzt, werden vermehrt moderne leistungsstarke Systeme in Dienst gestellt. Darunter beispielweise die russische Panzerhaubitze 2S35, der eine Wirkreichweite mit herkömmlicher Sprengmunition von bis zu 80 Kilometern nachgesagt wird. Im Vergleich dazu sind mit der Panzerhaubitze 2000 (PzH 2000) und dem in der Bundeswehr genutzten Sprenggeschoss DM121 Boattail effektive Reichweiten von gerade mal 30 Kilometern zu erreichen.

Summa summarum, derzeit in Nutzung befindliche westliche Rohrartilleriesysteme haben einen deutlichen Reichweitennachteil. Dies wurde erkannt und mehrere Streitkräfte haben Programme aufgelegt, um diese Fähigkeitslücke im Vergleich zu einem potentiellen Gegner zu schließen. Die U.S. Army versucht dies im Rahmen des Langstrecken-Kanonenartillerie-Programms ERCA (Extended Range Cannon Artillery), das zum Ziel hat, die Reichweite der US-Haubitzen auf 70-100 Kilometer zu steigern. Auch die Bundeswehr hat die Notwendigkeit des Handelns erkannt und will die Reichweite der Panzerhaubitzen im Zuge der Initiative Zukünftiges System Indirektes Feuer mittlerer Reichweite deutlich steigern. Der Wiederaufwuchs von Artilleriesystemen ist ebenfalls bereits beschlossen worden. Die Anzahl der Panzerhaubitzen 2000 wird bis 2031 von ehemals 81 auf 108 Systeme anwachsen. Daneben läuft eine Initiative bis zu 108 Radhaubitzen zu beschaffen.

Es ist dabei wichtig zu wissen, dass Reichweitenforderungen für die Rohrartillerie auf Entfernungen von 75 km bzw. 100 km nicht gleichzeitig bedeuten müssen, dass man eine Zielbekämpfung in einer Tiefe von 75 km im Landesinneren des Gegners anstrebt. Dies wäre zwar wünschenswert, aber mit den derzeitig in Nutzung befindlichen Zielaufklärungsmitteln wenig realistisch. Viel entscheidender ist die Fähigkeit, die Artilleriesysteme aus einer weiteren Tiefe des eigenen Raumes einsetzen zu können. In einer Duellsituation kann ein reichweitenstärkeres System sowohl Feuerunterstützung für die eigene Kampftruppe leisten, als auch aufgeklärte gegnerische Artilleriesysteme bekämpfen, ohne dass es selbst durch den reichweitenschwächeren Gegner bekämpft werden kann.

Die vorher errechneten Konzepte zur Reichweitensteigerung der Panzerhaubitze 2000 wurden durch Rheinmetall in Alkantpan in Südafrika im scharfen Schuss bestätigt. (Foto: Rheinmetall)

Rheinmetall, der Hersteller der in der Panzerhaubitze 2000 genutzten Waffenanlage mit einem 52 Kaliberlängen Rohr (L52) und der Haus-und-Hof-Lieferant der im Heer genutzten Artilleriemunition hat, jüngst Konzepte vorgestellt, wie diese Lücke für das Heer geschlossen werden könnte. Alle Konzepte sind konform mit dem Joint Ballistic Memorandum of Understanding der NATO. Die Realisierbarkeit der vormals errechneten und kurzfristig umsetzbaren Konzepte wurde jüngst während einer Schießdemonstration am 6. November 2019 in Alkantpan in Südafrika unter Beweis gestellt.

Kurzfristiger Lösungsansatz

Das Konzept von Rheinmetall sieht drei Möglichkeiten, wie die deutsche PzH2000 kurzfristig ertüchtig werden kann, um höhere Reichweiten zu erzielen. Diese Lösungsansätze sind nach Angaben des Unternehmens ohne Änderungen an der Waffenanlage realisierbar.

Eine der Möglichkeiten liegt in der Einführung der hauseigenen M1711 Basebleed Munition, welche bereits in der ebenfalls mit PzH2000 ausgestatteten niederländischen Artillerie genutzt wird. Base-Bleed-Geschosse besitzen einen pyrotechnischen Satz am Geschossheck. Dieser wird beim Abschuss gezündet und hat die Aufgabe, durch den Ausstoß von Verbrennungsgasen den Unterdruck hinter dem Geschoss zu reduzieren und somit den Sog zu verringern. Dies führt zu verbesserten aerodynamischen Eigenschaften des Geschosses und somit zu weiteren Flugreichweiten bei gleichem Gewicht und Mündungsgeschwindigkeiten (V0) im Vergleich zu herkömmlichen Geschossen. Mit dieser Lösung ließe sich eine Reichweite von bis zu 40 km erzielen.

Die zweite Möglichkeit besteht darin, stärkere Treibladungen zu nutzen. Nach Angaben von Rheinmetall liegt die aktuelle Druckgrenze der Waffenanlage bei 359 MPa. Diese Obergrenze wird auch bei Nutzung der 6ten Ladung nicht erreicht. Um diese vorhandenen Leistungsreserven zu realisieren, wird die Nutzung der 52-23-Kaliber-Topcharge von Nitrochemie, einem Gemeinschaftsunternehmen von Rheinmetall und RUAG, vorgeschlagen. Mit der Topcharge lässt sich eine Mündungsgeschwindigkeit von über 990 m/s (6te Ladung entspricht 945 m/s) erreichen, was einer Reichweitensteigerung, basierend auf dem Ausgangswert der jeweiligen Munitionssorte, von ca. 17 Prozent entspricht. Dieser errechnete Wert wurde während der Schießkampagne in Südafrika sogar übertroffen.

Als dritte kurzfristig umsetzbare Möglichkeit wird der Rückgriff auf die konzerneigene und in Serienproduktion befindliche Assegai M2005 V-LAP Munition vorgeschlagen. V-LAP steht für Velocity Enhanced Long Range Artillery Projectile, dahinter verbirgt sich ein mittels Basebleed und Raketenmotor geschwindigkeitsgesteigertes Artilleriegeschoss. Ein Teil des Sprengstoffes musste für die Unterbringung des Raketenmotors im Geschoss weichen. So dass bei der M2005 V-LAP vier Kg Sprengstoff als Sprengmasse ausreichen müssen. Um trotzdem eine vergleichbare Wirkleistung wie eine DM121 erreichen zu können, wäre eine Lösung mit vorfragmentierter Gefechtskopf anzudenken.

Die Kombination L52 Waffenanlage der PzH200 in Verbindung mit Topcharge und M2005 V-LAP wurde jüngst in Südafrika durch Rheinmetall unter nicht optimalen außenballistischen Bedingungen geschossen. Dabei wurde eine Reichweite von 66 943 Metern erzielt.

DM121 Boattail M1711 Basebleed M2005 V-LAP
V0 21° 6te Ladung 945 m/s 945 m/s
Reichweite 30 km 40 km
V0 21° Topcharge 1.003 m/s 1.010 m/s 1.010 m/s
Effektive Reichweite 35 km 47 km 63 km
Reichweitensteigerung gegenüber DM121 6te Ladung 17 Prozent 57 Prozent 110 Prozent
Am 06 November 2019 in Südafrika erzielte Reichweite 35 882 m 47 374 m 66 943 m
Errechnete Reichweite L60 Rohr in Verbindung mit Topcharge 48 km 64 km 83 km

 

Längerfristiger Lösungsansatz

Für das Zukünftige System Indirektes Feuer mittlerer Reichweite (Rad) hat die Bundeswehr eine Reichweitenforderung von 75 Km (konventionelle Munition) bzw. 100 Km (Präzisionsmunition) aufgestellt. Aus Sicht von Rheinmetall sind diese Reichweiten nur mit einer neuen Waffenanlage zu erreichen.

Da die ballistisch verschossenen Geschosse aufgrund der längeren Flugdauer eine längere Zeit den außenballistischen Einflussfaktoren (bspw. Höhenwinde) ausgesetzt werden, wird auch die Ablage im Ziel mit zunehmender Reichweite zunehmen. Um trotzdem die Präzisionsanforderungvon >50 m erfüllen zu können, muss die verschossene Munition mit Kurskorrekturzündern, wie bspw. dem PGK (Precision Guidance Kit) von Northrop Grumman Innovation Systems, vormals Orbital ATK, versehen werden. Alle Arten von 2-D Kurskorrekturzündern verursachen – aufgrund eines merkbar erhöhten Luftwiederstands gegenüber klassischen Zündern – einen Reichweitenverlust der eingesetzten Munition von bis zu 10 %. Daher ist für eine effektive Reichweite von 75 km eine tatsächliche Reichweite von 83 km zu erzielen, um diesen Effekt des Kurskorrekturzünders auszugleichen.

Mit der neuen Waffenanlage L60 mit 29 Liter Ladungsraumvolumen wären Schussweiten von 75 Km (83 Km) mit konventioneller Munition möglich. (Graphik: Rheinmetall)

Um die angesprochenen Geschosse auf diese Reichweiten verschießen zu können, müsste muss eine höhere Mündungsgeschwindigkeit erreicht werden. Das Unternehmen hat berechnet, dass die neue Waffenanlage ein Ladungsraumvolumen von 29 Litern für die Treibladung und eine Druckgrenze von ca. 500 MPa aufweisen müsste. Die Gesamtlänge des Rohres betrüge dann ungefähr 60 Kaliberlängen (L60), was ca.  9,30 m entsprechen würde. Zum Vergleich, ein L52-Rohr der PzH2000 ist 8,06 m lang.

Darüber hinaus führt Rheinmetall erste interne Studien durch, um ein für dieses System ausgelegtes Präzisionsgeschoss auf eine Entfernung von bis zu 155 km zu verschießen, was einer Leistungsreserve von 50 Prozent gegenüber der Reichweitenforderung der Bundeswehr entsprechen würde.

Resümee

Die kurzfristigen Lösungsansätze wären ohne Entwicklungsrisiko vergleichsweise zügig und je nach Lösungsansatz vergleichsweise günstig umsetzbar. Dafür müsste die Bundeswehr die Munition jedoch qualifizieren und beschaffen. Die deutsche Artillerie hätte somit recht kurzfristig die Möglichkeit, den derzeitigen Reichweitennachteil deutlich zu verkleinern.

Reichweitenkombinationen der unterschiedlichen Munitionssorten und Rohrlängen. (Graphik: Rheinmetall)

Die Entwicklung und Einführung einer neuen Waffenanlage würde sicherlich mehrere Jahre in Anspruch nehmen und wäre, wie alle Entwicklungsprojekte, mit einem gewissen Entwicklungsrisiko verbunden. Da die derzeitig in Nutzung befindliche Waffenanlage L52 jedoch bei der berechneten und in Alkantpan nachgewiesenen Reichweite von 63 km auf Meereshöhe mit der V-LAP an ihre Grenzen stößt, wäre dies der nächste logische Schritt, wenn man beabsichtigt, Ziele mittels der Rohrartillerie auf Entfernungen von bis zu 75 km bekämpfen zu wollen. Weiterhin könnte die neue L60 Waffenanlage auch kostengünstige Boattail und Basebleed Munition mit 48 km, bzw. 64 km auch wesentlich weiter verschießen als die vorhandene L52.

Waldemar Geiger