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Mit dem Krieg in der Ukraine und der damit verbundenen Refokussierung vieler Streitkräfte auf Landes- und Bündnisverteidigung werden automatisch für diesen Zweck benötigte Waffensysteme zum Gegenstand der Modernisierungsbestrebungen der Streitkräfte. Konsequenterweise hat die damit befasste Industrie die Zeit seit 2015 dazu genutzt, Waffensysteme wie Kampf- und Schützenpanzer, Artillerie und Mörser weiterzuentwickeln und für die zukünftigen Herausforderungen vorzubereiten. Auf dem Gebiet der Waffensysteme Mörser gab es dazu jüngst einige interessante Neuerungen.

Die künftigen Mörserzüge der Infanterie

Das neue Fähigkeitsprofil der Bundeswehr bestimmt, dass auf Verbands- und Großverbandsebene Umgliederungen stattfinden werden. Die Struktur einzelner Züge wird angepasst, auch die Mörserzüge der Infanterie.

Auf internationalen Fachforen und Symposien war wiederholt zu hören, dass sich die Anzahl der Mörserzüge verdoppeln wird, die Anzahl der Waffensysteme aber gleich bleibt. Künftig wird eine schwere Infanteriekompanie, von der es in Zukunft voraussichtlich auch im Jägerbataillon 291 (Illkirchen, Frankreich) eine geben wird, über zwei Züge mit je vier 120-mm-Mörsersystemen verfügen, derzeit verfügt die Kompanie über einen Zug mit acht Rohren. Der 1. Zug wird durch einen Offizier geführt und wird personalstärker ausfallen als der 2. Zug, der durch einen Feldwebel geführt wird. Beide Züge werden auch in Zukunft über Erkundungstrupps verfügen, die einen Teil der Aufgaben der derzeitigen Richtkreistrupps übernehmen. Die Mörsertrupps sollen weiterhin aus Truppführer, Richtschütze, Ladeschütze und Munitionsschütze bestehen. Die Besonderheit im 1. Zug wird sein, dass das zusätzliche Personal dazu genutzt wird, bereits in der Grundgliederung vier 60-mm-Trupps aufzustellen. Somit wird der 1. Zug über acht Mörsertrupps (vier 120 mm und vier 60 mm) verfügen. Auch der 2. Zug wird mit vier Systemen 60 mm ausgestattet sein, diese jedoch in Zweitfunktion parallel zum „120er“ nutzen.

60-mm-Mörser

Die zur Mitte des Jahrzehnts eingeleiteten Modernisierungsbestrebungen der Bundeswehr im Bereich Modernisierung der Altbestände Mörsermunition 120 mm und die Einführung eines 60-mm-Mörsers (ES&T 9/2016) haben sich aus unterschiedlichen Gründen immer wieder verzögert.

Die Bundeswehr plant die Beschaffung von insgesamt 159 Mörsersystemen und rund 25.000 Patronen als Erstausstattung im Kaliber 60 mm. Eine Integration der „60er“ in den Verbund Streitkräftegemeinsame Taktische Feuerunterstützung (STF) ist nach derzeitiger Erkenntnis nicht geplant.

Für die unterschiedlichen Einsatzzwecke der einzelnen Nutzer sollen die 60-mm-Mörser in zwei unterschiedlichen Varianten beschafft werden:

  • voraussichtlich 122 konvertierbare Mörser auf Zweibein, die zu einem Kommandomörser konvertierbar sein müssen (Gesamtgewicht max. 25 kg, Reichweite von 100 m bis 3.500 m)
  • voraussichtlich 37 Kommandomörser (Gesamtgewicht max. 8 kg, Reichweite von 100 m bis 1.500 m)

Dem Vernehmen nach haben mittlerweile sowohl EXPAL, Hirtenberger als auch Rheinmetall 60-mm-Waffenanlagen an die Bundeswehr geliefert, die derzeit bei der WTD 91 in Meppen getestet werden.

Mörser 120 mm

Der derzeitige Übungsbetrieb ist durch die Unzuverlässigkeit der alten und überlagerten Munition und den daraus resultierenden Sperrungen einzelner Ladungen und Munitionssorten erheblich gestört. Auch hierzu berichtete ES&T ausführlich im Juli 2018. Nach mehrjähriger Verzögerung hat Hirtenberger Defence Europe jüngst den Zuschlag für die Aufarbeitung der Altbestände der 120-mm-Munition erhalten. Der über fünf Jahre laufende Vertrag sieht vor, dass das Unternehmen bis 2026 bis zu 70.000 Mörserpatronen aufbereitet. Ausgetauscht werden die Treibpatrone, Grundladung und die Treibladungen der aktuell überlagerten Munition. Nach Angaben von Hirtenberger wird die Munition im einsatzbereiten Zustand ausgeliefert. Die derzeitigen Einschränkungen der Munition wären somit obsolet.

Neben der Modernisierung der Munition wurde wegen Schießunfällen Anfang 2019 eine Modifikation der gesperrten Annährungszünder PPD 324 ausgeschrieben. Nach der Modifikation soll der Zünder nur noch in seiner Zweitfunktion als Aufschlagzünder verwendet werden können. Gut informierten Kreisen nach, hat die Muni Berka GmbH, ein Spezialist für Munitionsbeseitigung aus dem Südharz, den Zuschlag bekommen, den kompletten Bestand der Bundeswehr an PPD 324-Zündern zu modifizieren.

Neben der Munition haben auch die aktuell in der Nutzung befindlichen Mörsersysteme einen Modernisierungsbedarf. Die Waffenanlagen haben ein Nutzungszeitende 2030, die Fahrzeuge jedoch bereits 2025 (M113) und 2027 (Wolf). Die Modernisierung soll mittels der Initiative „Zukünftiges System Indirektes Feuer Kurze Reichweite“ realisiert werden. Dazu soll der zukünftige Mörser über folgende Eigenschaften verfügen: gleiches Waffensystem für alle Truppengattungen der Infanterie, automatisierte Positionsbestimmung und Einrichtung der Waffenanlage, Befähigung zum fahrzeuggestützten Einsatz, Befähigung zum abgesessenen Einsatz und bis zu acht Kilometer Reichweite.

Die Integration des Mörsers soll in die Fahrzeuge der jeweiligen Truppengattung erfolgen. Bei der Luftlandetruppe wäre es die „Luftlandeplattform“ (Projektname für den Nachfolger des Mungo), in der Jägertruppe ein geschütztes Radfahrzeug vergleichbar dem GTK Boxer und in der Gebirgstruppe BV 206 Hägglunds bzw. sein Nachfolger.

Entwicklungen in der Industrie

Die eingeleiteten und geplanten Modernisierungsbestrebungen der Mörsersysteme in den Streitkräften haben erwartungsgemäß zu technologischen Entwicklungen auf Seiten der europäischen Industrie geführt. Einige davon wurden kürzlich auf der internationalen Rüstungsmesse DSEI in London vorgestellt.

eCompaX wiegt ca. 1,2 kg und ist 175x75x65 mm groß. (Foto: EXPAL)

EXPAL

EXPAL, ein ganzheitlicher Anbieter für Mörsersysteme aus Spanien, hat mit dem eCompaX ein elektronisches Richtmittel für abgesessene Mörsersysteme jeglichen Kalibers vorgestellt.

Als Ersatz für klassische Periskope soll das eCompaX das Einrichten und das Richten von abgesessenen Mörsern vereinfachen und beschleunigen. Dazu verfügt das System über mehrere GPS-unabhängige Sensoren, darunter eine Kamera, eine inertiale Messeinheit (IMU) und einen magnetischen Kompass für alle Nordarten (Magnetisch-, Geografisch- und Gitter-Nord), die Daten über die vertikale und horizontale Ausrichtung des Mörsers liefern. Gemäß Aussage der Firma ist eine Ausrichtung des Mörsers auf das Ziel innerhalb von 30 Sekunden möglich.

Die eCompaX-Software verfügt über alle notwendigen Funktionen, um das Richten des Mörsers zu ermöglichen, entweder im Stand-alone-Modus (auf einem eigenen Smart Device) oder integriert in einen Feuerleit-Computer. Die Zahlen in den Pfeilen der grafischen Wiedergabe (unteres Bild) geben an, in welche Richtung und um wieviel Strich die Waffenanlage gerichtet werden muss. (Grafik: EXPAL)

Die Funktionsweise und Bedienung des Systems ist denkbar einfach. Nach Erreichen der Feuerstellung wird eCompaX mit der Kamera nach vorne in die grobe Schussrichtung einige Meter entfernt vor die Waffenanlage abgelegt. Der integrierte Nordfinder soll innerhalb von ca. zehn Sekunden die magnetische Nordrichtung auf bis zu sieben Strich Genauigkeit bestimmen können. Daraufhin schießt die Kamera eine Reihe von Bildern, um die magnetisch bestimmte Nordrichtung optisch zu fixieren. Die Bilder dienen im Anschluss als Richtwert für die Positionsbestimmung der Waffenanlage. Nachfolgend wird eCompaX an der Periskop-Aufnahme am Zweibein befestigt. Auch hier werden Bilder geschossen. Ein Algorithmus errechnet anhand des Bildabgleichs die seitliche Ausrichtung der Waffenanlage, die Lagesensoren ermitteln die Elevation.

Daneben stellte das Unternehmen mit M-Counter einen elektronischen Schusszähler für Mörser vor. Dieser funktioniert unabhängig von Energiequellen und soll durch automatische Datenerfassung die Mörsertrupps von Dokumentationsaufgaben befreien und die Instandsetzungsplanung vereinfachen.

Hirtenberger

Hirtenberger Defence Europe stellte auf der DSEI das 120-mm-Super-Rapid-Advanced-Mortar-System MKII (SRAMS MKII) aus. Bereits im letzten Jahr hat Hirtenberger auf der Eurosatory eine Kooperation mit ST Engineering bekanntgegeben, die vorsieht, dass Hirtenberger die Vermarktung der automatischen Mörser der SRAMS-Familie in Europa übernehmen wird. Mitte November wird das neue System erstmals einem europäischen Fachpublikum in der Slowakei im scharfen Schuss vorgestellt. Das ursprüngliche 120-mm-SRAMS war mit hydraulischer Höhen- und Seitenverstellung ausgestattet, das neue SRAMS Mk II verfügt dagegen über eine vollelektrische Höhen- und Seitenverstellung, wobei die letztere beidseitig auf 180 Grad erhöht wurde.

Das SRAMS MK II (links) war mit einer hydraulischer Höhen- und Seitenverstellung ausgestattet, das neue SRAMS Mk II (rechts) verfügt über eine vollelektrische Höhen- und Seitenverstellung. (Fotos: Hirtenberger)

Was den Auftragseingang angeht, gab es dagegen einige Neuigkeiten. Neben dem erst kürzlich erfolgten Zuschlag für die Modernisierung der überlagerten 120-mm-Munition der Bundeswehr hat Hirtenberger im ersten Halbjahr 2019 einen Auftrag zur Lieferung von insensitiver Mörsermunition 60 mm an die niederländischen Streitkräfte erhalten. Der Rahmenvertrag hat eine Laufzeit von fünf Jahren mit der Option der Verlängerung um zwei weitere Jahre. Darüber hinaus bestätigte das Unternehmen Verkaufsverhandlungen für die Hirtenberger Defence Sparte. Die Hirtenberger-Holding hatte sich vor Kurzem entschlossen, sich von dem Rüstungsgeschäft zu trennen.

JUNGHANS Defence

Die neuartigen mechanischen Mörserzünder DM111S (Aufschlagzünder mit und ohne Verzögerung) und DM183 (Aufschlag- und Zeitzünder) sind weiterhin zunehmend bei zahlreichen Streitkräften in der Beschaffung. Der DM111 S wurde zuletzt aufgrund kundenspezifischer Anforderungen optimiert. Seine Gesamtfunktionszuverlässigkeit wird damit noch weiter gesteigert. Beide Zünder erfüllen die neuesten Sicherheitsanforderungen der STANAG 4187, indem neben der Beschleunigungssicherung eine Windradsicherung als zweite voneinander unabhängige mechanische Sicherung fungiert. Die Windradsicherung ersetzt den aus den Vorgängermodellen DM111 und DM93 bekannten Sicherungsstift. Falsche Handhabung durch Soldaten (zu frühes Ziehen oder vergessenes Ziehen des Sicherungsstiftes) kann somit umgangen werden. Weiterhin haben die neuen Zünder den Vorteil, dass sie auch für automatisch geladene Mörser geeignet sind.

Der DM183 ist ein mechanischer Doppelzünder mit Zeit- und Aufschlagfunktion. (Foto: Waldemar Geiger)
Der Flame kann in den Funktionen Annährungszünder, Aufschlagszünder mit Verzögerung und Aufschlagszünder ohne Verzögerung genutzt werden. (Foto: Waldemar Geiger)

Die Gesamtplanung zur Produktqualifizierung- und Markteinführung des elektro-mechanischen Annährungszünders Flame, hat sich durch teilweise Nicht-Verfügbarkeit von erforderlichen Erprobungsplätzen (Überlastung) verschoben und wird nun nach derzeitiger Planung Mitte 2020 abgeschlossen sein.

Rheinmetall

Am 18. Juli 2019, am Tag der Infanterie in Hammelburg, hat Rheinmetall erstmals den konvertierbaren 60-mm-Mörser RSG60 vorgestellt. Das neuartige Design der Steilfeuerwaffe wirkt sich platzsparend aus und ermöglicht es den Nutzern, den Mörser in wenigen Sekunden aus der Transportstellung heraus feuerbereit zu machen. Der RSG60 lässt sich innerhalb von ca. 30 Sekunden werkzeuglos mit wenigen Handgriffen durch das Lösen von vier Haltebolzen von der Bodenplatte trennen und eigenständig als Kommandomörser verwenden.

Auf dem KSK-Symposium im September und auf der DSEI wurde die aktuelle Version des RSG60 gezeigt. Diese weicht von den älteren Pressebildern, die einen Demonstrator zeigten, ab. Bei der aktuellen Version dient der Haltegriff auch als Aufnahme für die Richtmittel, und die Bodenplatte wurde ergonomischer gestaltet. Daneben wurde ein einfaches, auf einem Kompass basierendes und als „Quickshot Zieleinrichtung“ bezeichnetes, Richtmittel ausgestellt, welches die Eigenschaften eines Richtkreises und Periskops in einem Gerät vereint.

Der RSG60 ist mit 15,6 kg ein Leichtgewicht. In der Version Kommandomörser beträgt das Gewicht 6,8 kg. (Foto: Waldemar Geiger)

Vom Entwicklerteam des RSG60 war zu erfahren, dass das Wärmemanagement durch die Verbundbauweise des neuartigen Rohres nicht entscheidend beeinträchtigt wird. Physikalisch bedingt erwärmen sich leichtere Rohre zwar schneller, dafür kühlen sie auch schneller ab. Das RSG60-Rohr weist ein weiteres praktisches Merkmal auf. Das Gewinde am Ende des Rohres kann dazu benutzt werden, eine Rohrverlängerung anzubringen. Dadurch können Reichweitenvorteile erzielt werden. Neben der Rohrverlängerung hat Rheinmetall auch einen Prototypen eines Schalldämpfers entwickelt, der ebenfalls auf das Gewinde aufgeschraubt werden kann. Die Dämpferleistung beträgt knapp 10 dB, was einer Verringerung der Lautstärke um knapp 50 Prozent entspricht.

Modularität, maximal mögliche Feuerrate und Kosteneffezienz waren bei der Entwicklung des Ragnarok designbestimmend. (Foto: Waldemar Geiger)

Auf der DSEI stellte Rheinmetall erstmals das automatische 120-mm-Mörserwaffensystem Ragnarok (MWS120) aus. Das manuell geladene und vollelektrische System mit mechanischer Übertragung ermöglicht eine Schussrate von 16 bis 20 Schuss pro Minute. Mit einem Gewicht von knapp einer Tonne und einem nach Unternehmensangaben deutlich geringeren Rückstoß als vergleichbare Wettbewerbssysteme kann der Ragnarok unter Nutzung von Stützbeinen auch auf leichte 4×4-Plattformen integriert werden, ohne die Fahrwerksstruktur des Fahrzeuges übermäßig zu beeinträchtigen.

Bei der Entwicklung des Ragnarok standen nach Angaben des Produktmanagers die Aspekte einer möglichst hohen Feuerrate sowie Modularität bei einem möglichst geringen Preis im Vordergrund. Daher hat man auf einen automatischen Lademechanismus verzichtet und das System so ausgelegt, dass fast jedes in Nutzung befindliche 120-mm-Rohr weiterverwendet werden kann. Das Rohr kann im Transportzustand durch den Trupp entnommen und bei Bedarf unter Nutzung einer Bodenplatte und eines Zweibeines abgesessen eingesetzt werden. Eingeführte Systeme können so weiterverwendet werden. Darüber hinaus wird das MWS120 optional ohne eigenständiges Feuerleitsystem angeboten, um auch hier eine Weiternutzung eingeführter Systeme zu ermöglichen.

Ragnarok im Transportzustand. (Foto: Waldemar Geiger)

Die Modularität des Ragnarok bietet mehrere Vorteile. Durch Weiternutzung eingeführter Systeme können bei Bedarf Kosten in der Anschaffung und Ausbildung eines neuen Systems eingespart werden. Daneben bietet es Interessenten die Möglichkeit, sich praktisch selbst einen Mörser zu konfigurieren. Alle Systeme können je nach Bedarf und zur Verfügung stehendem Budget aus einem Systemhaus oder unterschiedlichen Anbietern ohne großen Integrationsaufwand zu einem Gesamtsystem (vollautomatische Waffenanlage mit Feuerleitsystem) kombiniert werden. Der weitere Vorteil liegt darin, dass man die Komponenten des Mörsers einzeln modernisieren kann, ohne das Gesamtsystem neu entwickeln zu müssen. Die Implementierung neuer Technologien und Produkte lässt sich so deutlich schneller und einfacher bereits während der Nutzungsphase durchführen.

Fazit

Die vergleichsweise simple und robuste Funktionsweise des Mörsers ermöglicht den Einsatz in allen Operationsarten. Der Mörser ist und bleibt damit eine wichtige Taste auf der Klaviatur des militärischen Führers auch im Gefecht, insbesondere dann, wenn neben der Modernisierung der Munition und der Einführung eines 60-mm-Mörsers auch die „120er“ auf den Stand der Technik gebracht werden.

Waldemar Geiger