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Am 29. August fand in Wilhelmshaven erstmalig die AMBLE (Amphibious Live Exhibition) statt. Damit wollen die Veranstalter in einem neuen Format Einblicke in die aktuelle Technologiesegmente für amphibische Kräfte ermöglichen.

Dank der Rückbesinnung auf Landes- und Bündnisverteidigung haben amphibische Operationen auch für Deutschland an Relevanz gewonnen. AMBLE soll sich in Deutschland als jährliche Demonstrationsveranstaltung mit Alleinstellungsmerkmal etablieren, bei der Entscheidungsträger aus Militär und Verteidigungsindustrie zum Informationsaustausch zusammenkommen. Als Veranstalter treten der Freundeskreis Seebataillon sowie einige Vertreter der Wehrtechnischen Industrie auf.

Neues Veranstaltungskonzept

Zumindest für Deutschland neu ist das Non-Profit-Veranstaltungskonzept, das Interessenten eine kostenfreie Teilnahme ermöglicht. Auch für die ausstellenden Firmen fällt keine Teilnahmegebühr an. Möglich ist dies unter anderem deshalb, weil dieses Jahr zum Beispiel die Neue Jadewerft in Wilhelmshaven (gehört zur Fr. Lürssen Werft GmbH & Co. KG) den Veranstaltungsort kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Dadurch schuf sie für die Veranstaltung eine besondere Atmosphäre, da parallel dazu der Werftbetrieb weiterlief, u.a. mit Instandhaltungsmaßnahmen im Dock für die Fregatte Bayern (F 217, Klasse F123). Der Veranstaltungsort bietet ausreichend Raum, einen Pier und direkten Wasserzugang und ermöglicht somit auch Live-Demonstrationen, die in Messehallten oder Kongresszentren nicht möglich sind.

Die Veranstaltung war in vier Themenbereich aufgeteilt, die innerhalb vier sog. Sessions den einzelnen Gruppen vorgestellt wurden: Mobilität, Sensoren und C2, Werkzeuge und persönliche Ausrüstung. Über 150 Personen folgten der Einladung, der größte Teil in Uniform. Neben Soldaten der deutschen Marine, waren auch Vertreter des holländischen Korps-Mariniers, der britischen Royal Marines, der US Navy und der finnischen Marine vor Ort. Der ranghöchste Teilnehmer war Flottillenadmiral Ralf Kuchler, Kommandeur der Einsatzflottille 2.

Ausstellung

Die Produktvorstellungen waren auf Präsentationstische beschränkt. So zeigte Lürssen Modelle und unterstrich Fähigkeiten des Unternehmens im Bereich OPV (Offshore Patrol Vessel). Telefunken Racoms präsentierte mit E-LynX und XACT nv33 seine neusten Produkte für die Bundeswehr im Bereich Kommunikation und Nachtsicht. Eurospike hatte seine Flugkörperfamilie SPIKE dabei und zeigte Optionen für die Bewaffnung von Hubschraubern oder Schiffen. Dynamit Nobel Defence (DND) präsentierte das Wirkmittel 90 sowie das dazu passende Trainingssystem. Die Yachtwerft Meyer bietet als Vertriebspartner Schlauchboote mit Festrumpf, sog. RHIBs (Rigid Hull Inflatable Boats) von Vanguard an, oder eigene aus CFK, wie sie bei der Bundespolizei genutzt werden. J.V. Niebergall war mit verschiedenen Boarding-, Eindring- und Zugangshilfsmitteln präsent. NORDIC Unmanned zeigte UAVs und unbemannte Wasserfahrzeuge.

Ein breites Angebot gab es im Bereich der persönlichen Ausrüstung: Safety Tactical Maritime, Secumar (Rettungswesten), Hexonia (Bekleidung & Schutz), Rheinmetall Defence (Infanterist der Zukunft Erweitertes System), SFC Energy (Stromversorgung), RAPTOR (Trainingssysteme, die auch für Reha-Maßnahmen geeignet sind), Dominator GmbH (Uniformen, Unterwassersprechsätze, Flossen, Magnete für Taucher) oder Velocity Systems (Plattenträger, Rucksäcke). Letztere bieten mit Crossfire Rucksäcke aus Australien an. Dadurch soll eine kostengünstigere, aber genauso gute Option zu Mystery Ranch geschaffen werden. Mit dem C-3 (55 Liter) und dem DC-16 (85 Liter) stehen zwei Modelle zur Auswahl.

Probieren geht über studieren

Über das VR-System können Räume oder auch Schiffe nach Kundenanforderungen dargestellt werden. (Foto: André Forkert)

Das eigentliche Ziel ist aber „hands-on“, testen, ausprobieren und am eigenen Leib erfahren. So konnten die Besucher im Freien das 3D Simulations- und Trainingssystem von RE-lion zur realistischen Schulung des Vorgehens und Schießens im Orts- und Häuserkampf testen. Die Soldaten werden über VR Brillen mit den entsprechenden Ansichten versorgt und können mit dem Gegenüber real interagieren, zum Beispiel ansprechen, durchsuchen oder Handschellen anlegen. Neben der technischen Ausrüstung wird eine Fläche von bis zu 30×30 Metern benötigt. Bis zu 16 Soldaten können als Halbzug beübt werden. Über das VR-System können Räume oder auch Schiffe nach Kundenanforderungen dargestellt werden.

Das Highlight für die meisten Besucher waren sicherlich die Fahrten in verschiedenen Booten. Das größte war das finnische Watercat M18 AMC, ein Combat Support Service Vessel (CSSV) vergleichbar den Rhine River Patrol der US Streitkräfte. (Foto: André Forkert)

Das Highlight für die meisten Besucher waren sicherlich die Fahrten in verschiedenen Booten. Das größte war das finnische Watercat M18 AMC, ein Combat Support Service Vessel (CSSV) vergleichbar den Rhine River Patrol der US Streitkräfte. Hersteller ist Marine Alutech Oy aus Finnland. Finnland hat mehrere solcher Boote in einer 16 m-Version in Verwendung. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 45 Knoten, die Besatzung besteht aus vier Mann, und es können bis zu 24 Marines aufgenommen werden. Demonstriert wurde vor allem der kraftvolle Antrieb und die extreme Manövrierfähigkeit. Das Watercat M18 AMC kann praktisch auf der Stelle um 90° drehen und nicht nur extrem schnell beschleunigen, sondern dank Umkehrschub auch genauso schnell im Wasser zum Stehen kommen. Schweden hat mit 14 m etwas kleinere Boote in Nutzung, und auch das deutsche Seebataillon hat Bedarf an solchen Fähigkeiten angemeldet. Angedacht sind 15 Boote. Das Watercat ist aus Aluminium gefertigt, mit einem ballistischen Schutz und einer Waffenstation (frei wählbar) versehen. Auch die Schweiz hat 14 Boote bestellt, mit einer Waffenstation von Kongsberg. Das in Wilhelmshaven gezeigte Boot könnte auch für die deutschen Überlegungen als Basis dienen.

Die aus Duisburg stammende Werft OPHARDT Maritim hatte zwei Boote zum Testen vor Ort. (Foto: André Forkert)

Die aus Duisburg stammende Werft OPHARDT Maritim hatte zwei Boote zum Testen vor Ort. Das OPH 1055 ist ein 10 m-Boarding-Boot und das OPH 1255 ein 12 m-SOF (Special Operation Forces) Tactical Fast Boot. Beide sind mit je drei starken Außenbordmotoren ausgestattet. In Wilhelmshaven erreichte das OPH 1255 eine Geschwindigkeit von 115 km/h, maximal sind 76 Knoten (136,8 km/h) möglich. Die Polizei Baden-Württemberg hat als OPH/707/R (7 m Länge) vier solcher Boote in Nutzung. Auch aus Rheinland-Pfalz und Hamburg (8 m) liegen entsprechende Bestellungen vor. Bei den Booten handelt es sich um Alu-Festrumpfboote, die schlüsselfertig geliefert und komplett in Duisburg hergestellt werden. Schlüsselfertig heißt mit entsprechenden Antrieben, Sitzen, Navigationsanlagen und je nach Kundenwusch auch Waffenstationen. Sie werden durch die Spezialkräfte der Polizei oder auch zum Streifendienst der Wasserschutzpolizei genutzt.

Das Amphibious Protected Vehicle Tracked kann zu Land und Wasser eingesetzt. Es bietet ballistischen Schutz (höher als 7,62×51 mm), Minenschutz, eine Waffenanlage (7,62 mm, .50 oder 40 mm) sowie Platz für eine Gruppe (8 Soldaten) oder eine Nutzlast von 5 Tonnen. (Foto: André Forkert)

Krauss-Maffei Wegmann (KMW) präsentierte sein Amphibious Protected Vehicle Tracked und lud zur Mitfahrt ein. Derzeit handelt es sich noch um einen Demonstrator und eine Eigenentwicklung, um heutige Fähigkeiten, auch im Hinblick auf die Anforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung darzustellen. Außerdem gibt es in Südamerika entsprechende Beschaffungsvorhaben. Und auch im Seebataillon gibt es schon dementsprechende konzeptionelle Überlegungen für ein geschütztes, amphibisches Fahrzeug, das zum Beispiel bei militärischen Evakuierungsoperationen (MilEvakOp) in Zusammenarbeit mit den niederländischen Landungsbooten eingesetzt werden kann.

Das Fahrzeug kann zu Land und Wasser eingesetzt werden und ist auch im Wasser sehr wendig. Es bietet ballistischen Schutz (höher als 7,62×51 mm), Minenschutz, eine Waffenanlage (7,62 mm, .50 oder 40 mm) sowie Platz für eine Gruppe (8 Soldaten) oder eine Nutzlast von 5 Tonnen. Bedient wird es durch zwei Soldaten.

Die gezeigte Reichweite des HPEM Stop Boat betrug rund 60 m, wobei Salzwasser die Voraussetzungen für den Einsatz begünstigt. (Foto: André Forkert)

DIEHL Defence stellte das HPEM Stop Boat vor. Dabei handelt es sich noch um einen Prototyp, und DIEHL hofft auf Bereitstellung von Entwicklungsmitteln. 2018 wurde zusammen mit Finnland bereits ein offizieller NATO-Versuch durchgeführt. Als Testobjekt diente ein Jetski, dessen Fahrt dank HPEM Stop Boat immer wieder unterbrochen werden konnte, ohne aber am Fahrzeug einen dauerhaften Schaden zu erzeugen. Die gezeigte Reichweite betrug rund 60 m, wobei Salzwasser die Voraussetzungen für den Einsatz begünstigt. Abgestrahlt wird in einem ca. 90° Winkel. Mit Car Stop und einen UAV Stop hat Diehl bereits zwei Varianten bei verschiedenen Behörden in Nutzung.

Fazit

AMBLE 2019 war eine sehr gelungene Auftaktveranstaltung, die noch mehr Besucher verdient gehabt hätte. Auf jeden Fall gibt sie viel Potential für die kommenden Jahre her. In Zukunft sollen noch mehr-Live-Demonstrationen angeboten werden. Außerdem soll die Veranstaltung internationaler werden, da Beschaffungen in Zukunft fast ausschließlich multinational erfolgen werden. Das progressive Veranstaltungsformat wurde als sehr ansprechend wahrgenommen.

André Forkert