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Die Gefährdung von Vertretern von Regierungen, Behörden und der Industrie durch Kriminelle, Terroristen und asymmetrische Kämpfer nimmt weiter zu. Für den möglichst sicheren Transport auf öffentlichen Straßen und im Gelände werden geschützte Fahrzeuge benötigt, die bei ausreichendem Schutz über hohe Beweglichkeit und genügend (Arbeits-)Platz verfügen.

Militärische geschützte Fahrzeuge kommen für den Schutz ziviler Personen in der Regel nicht infrage, da sie zu groß, zu schwer und leicht zu erkennen sind. Daher werden zivile Pkw mit Sonderschutz versehen und sicherheitstechnisch so ausgerüstet, dass das Überstehen eines Angriffs wahrscheinlich ist. Diesen Fahrzeugen sieht man ihre Schutzausstattung meist erst auf den zweiten (fachkundigen) Blick an.

Einige wenige Fahrzeugausrüster widmen sich der speziellen Aufgabe, sondergeschützte zivile Fahrzeuge herzustellen. Hierzu gehört die WELP-Gruppe, die an zwei Standorten in Georgsmarienhütte (Niedersachsen) und Wilkau-Haßlau (Sachsen) ballistische Schutzelemente für Pkw herstellt und Schutz- und Sicherheitseinrichtungen nach den Anforderungen der Kunden integriert. Neben einem tiefen Verständnis der Schutztechnik und der Fahrzeugtechnik ist übergreifendes Management der zahlreichen Zulieferartikel erforderlich, um die vielen Komponenten zu einem optimierten Gesamtsystem zusammenzuführen.

Security Forum

Um dieses Verständnis zu fördern, veranstaltete die WELP-Gruppe zum zweiten Mal nach 2017 das Security Forum, das Kunden, Kooperationspartnern und Marktbegleitern eine Plattform für Informations- und Erfahrungsaustausch bietet. Unter dem Generalthema „Mobilität und Kommunikation“ wurden Aspekte für Anforderungen, Auslegung und Produktion von geschützten Fahrzeugen für Sicherheitskräfte und das Militär dargestellt. 30 Aussteller aus der Sicherheitsbranche zeigten Teillösungen, vom „nackten“ Panzerstahl und Keramikpanzerung über Federungen, Notlaufsysteme, Brandschutz, Fensterheber, Klimaanlagen, Antennen, Fahrzeugabwehr mit Krallen oder Energie, Rostschutz bis zu ganzen Fahrzeugen wie Tesla, Mercedes, RMMV-Survivor und Toyota. Die WELP Group bot darüber hinaus einen Einblick in die komplexen Verfahren zur Herstellung des gewünschten Schutzniveaus von handelsüblichen Pkw.

Sonderschutz für zivile Fahrzeuge
Platzierung der Schraubkitpanzerung an einem Toyota Land Cruiser (Fotos: WELP Group)

Aus der 1979 gegründeten Planungsgesellschaft für Automobil- und Maschinenbau (PGAM) hat sich die WELP-Gruppe entwickelt, in der 2014 die Anteile Farmingtons Automotive, IndiKar, PGAM und Dressel + Höfner zusammengeführt worden sind. Welp Armouring bezeichnet die Aktivitäten für den Sonderschutz von Fahrzeugen querschnittlich im Unternehmen. Sondergeschützte Fahrzeuge werden überwiegend bei Farmingtons in Serie montiert und Abnahmetests unterzogen. IndiKar entwickelt den Sonderschutz individuell für jeden Fahrzeugtyp und produziert den überwiegenden Anteil an Schutzelementen. Highlight ist die vor zwei Jahren in Betrieb genommene Presse für Warmpressteile, in der zertifizierte Schutzelemente mit hohem Verformungsgrad in einem Arbeitsgang hergestellt werden können.

Fahrzeugauswahl

Insbesondere der Sonderschutz – der überwiegend aus schweren Metallplatten besteht – aber auch viele Zusatzeinrichtungen verursachen einen starken Gewichtsaufwuchs, der mit Blick auf den zu realisierenden Schutz die Fahrzeugauswahl einschränkt.

Sonderschutz für zivile Fahrzeuge
Nachgefragt beim Geschäftsführenden Gesellschafter der WELP Group, Dipl.-Ing. Ronald Gerschewski

Oberklassen-Limousinen, die häufig im Personenschutz eingesetzt werden, bieten deutlich unter einer Tonne Zuladung und begrenzen so den realisierbaren Schutz. Hochgeschützte Pkw erfahren durch die Schutzmaßnahmen einen Gewichtsaufwuchs bis zu 2,5 Tonnen. Zudem lässt die selbsttragende Karosserie nur wenig Raum für den Einbau von Schutzelementen.

Besser geeignet sind robuste Geländefahrzeuge mit Leiterrahmen und mit Fahrwerk, Antrieb und Fahrgastzelle als weitgehend unabhängige Elemente. Die Leiterrahmen verfügen über genügend Gewichtsreserven (Aufwuchspotenzial), die sowohl das zusätzliche Gewicht der Schutzelemente und -einrichtungen als auch die dafür notwendigen Verstärkungen bei Laufwerk und Karosserie verkraften können.

Komponenten für den Schutz

Im Blickpunkt und an erster Stelle steht die Panzerung des Fahrzeugs zum Schutz vor ballistischen Bedrohungen und Ansprengungen. Grundlage ist in der Regel die Verwendung von Elementen aus Panzerstahl verschiedener Qualitäten, die mit anderen Metallen, Faserverbundwerkstoffen oder Keramik kombiniert werden. Die Kombination ermöglicht die Berücksichtigung unterschiedlicher Bedrohungen und die Vermeidung „ballistischer Löcher“. Üblich ist die Verwendung ebener und gebogener Platten, die zu größeren Elementen verschweißt werden können. Welp wendet die sogenannte Schraubkitpanzerung an, bei der die Schutzelemente über spezielle Schraubverbindungen in die Karosserie integriert werden. Bei Beschädigung durch Beschuss oder Unfall können diese Elemente im Einsatzgebiet einfach ausgetauscht werden. Neben diesem Schutz vor allem an den Seiten und im Dach wird häufig der Schutz des Unterbodens gegen Minen und die Panzerung des Kraftstofftanks gefordert.

Sonderschutz für zivile Fahrzeuge
Sonderschutz für zivile Fahrzeuge
Sonderschutz für zivile Fahrzeuge
Gestripptes Fahrzeug auf der Montagestraße (Fotos: WELP Group)

An stark gebogenen Flächen, wie z.B. der Stirnwand, können Schutzelemente, die aus Schweißstücken zusammengesetzt sind, oft nur mit hohem Aufwand die geforderten Spezifikationen erfüllen und sind vergleichsweise schwer. Welp stellt im Warmpressverfahren Werkstücke mit hohem Verformungsgrad her, die durch die gesteuerte Abkühlung in der Presse die geforderte Härte und Zähigkeit erhalten (Hotformelemente). Ein so hergestelltes Schutzelement für die Stirnwand ist deutlich leichter als ein aus Einzelstücken zusammengeschweißtes Teil. Es ist schneller und mit höherer Qualität hergestellt und lässt sich leichter ein- und ausbauen. Allerdings setzt die wirtschaftliche Herstellung mindestens eine Kleinserie voraus.

Als Folge der starken Gewichtserhöhung durch die Schutzelemente muss das Fahrwerk den erhöhten Belastungen angepasst werden. Federn und Dämpfer müssen nicht nur mit dem höheren Gewicht und dem in der Regel nach oben gewanderten Fahrzeugschwerpunkt fertig werden. Sie müssen vor allem die Fahrsicherheit gewährleisten, die der Zulassung des Ausgangsfahrzeugs entspricht. Dies gilt ebenso für die Bremsen, die erheblich mehr Energie aufnehmen müssen.

Das geschützte Fahrzeug muss auch nach einem Angriff mobil bleiben. Dazu tragen Räder mit Notlaufelementen bei, die auch bei defekten Reifen Fahrten über mehrere Kilometer mit ausreichender Geschwindigkeit ermöglichen. Feuerlöschsysteme verhindern die Ausbreitung von Feuer im Innenraum, Motorraum und unter dem Fahrzeug. Für die Besatzung in der Kabine kann so – auch in Verbindung mit einer außenluftunabhängigen Belüftung – die Zeitdauer für das Überleben verlängert werden. Die Funktionen von Antrieb und Laufwerk können über längere Zeit sichergestellt werden.

Sonderschutz für zivile Fahrzeuge
Beschusstest an einem Prototyp

Wenn auch der Blick in die Umgebung immer mehr durch Kameras unterstützt wird, bleiben die Fenster vorn und an den Seiten entscheidend für die Beobachtung des Umfelds und für die Fahrzeugführung. Scheiben aus beschusssicherem Verbundglas aus Silikat oder Kunststoffen sind mehrere Zentimeter dick und haben ein hohes Flächengewicht. Um ein sicheres und im Notfall schnelles Schließen der Seitenfenster zu gewährleisten, sind spezielle Fensterheber erforderlich. Die Türen sind mit Stahl- und Glaspanzerung so schwer geworden, dass nicht nur die Scharniere deutlich verstärkt werden müssen. Für das Öffnen und Schließen der Türen wird eine hydraulisch unterstützte Mechanik notwendig. Wenn die Türen nicht mehr geöffnet werden können (nach einer Ansprengung, nach einem Unfall oder wenn die Elektrik ausfällt), kann ein Notausstieg das Verlassen des Fahrzeugs ermöglichen.

Kommunikation und Navigation tragen ebenfalls zur Sicherheit bei. Interne Kommunikation (InterCom) und Funkverbindungen nach außen unterstützen nicht nur den Normal-Betrieb. Sie sind im Notfall Hilfsmittel, um zu alarmieren und Hilfskräfte zu lenken. Für die Integration von Anlagen, die weit über die Standardausstattung hinausgehen, sind häufig neue Kabelbäume und ergänzende Energieversorgung notwendig. Bei der Installation können Sicherheitsaspekte berücksichtigt werden, sodass die Anlagen auch im Notfall funktionsfähig sind.

Nicht zuletzt muss das Fahrzeug auch für den Geländeeinsatz gehärtet werden. Beginnend mit dem Rammschutz, werden die außenliegenden Aggregate wie Beleuchtung und Auspuff gegen Schläge und Steinschlag geschützt. Auch Kühler und Batterie erhalten Schutz, damit sie in möglichst allen Betriebszuständen funktionieren. Mit einer Seilwinde wird eine Eigenbergung möglich.

Gerhard Heiming und Michael Horst