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Sind Luftlandekräfte einmal verbracht und damit in ihre Missionen am Boden gestartet, muss spätestens nach wenigen Tage eine Anschlußversorgung erfolgen. Diese Folgeversorgung kann Waffen, Munition, Essen und Trinken, Ersatzteile oder adaptiven Schutz für Fahrzeuge umfassen. Dazu können Transporthubschrauber mit Außenlast eingesetzt, oder Türlasten aus Flächenflugzeugen abgeworfen werden. Die Transporthubschrauber sind je nach Typ in Reichweite oder Zuladung eingeschränkt. Der Türabwurf kann zu ungenau sein, oder die Luftfahrzeuge können gar nicht ins Einsatzgebiet eindringen, da die gegnerische Luftabwehr dies unterbindet, Stichwort Anti-Access Area Denial (A2AD). Um dennoch eine Versorgung sicherzustellen, kann auf Selbststeuernde Lastengleitschirmsysteme (SLG Sys) zurück gegriffen werden. Sie versorgen die Truppenteile abstandsfähig mit Material, auch kleine, abgesetzte Einheiten.

Lastenschirm und Steuerungsgerät (silberne Kiste) des SLG Sys. (Foto: DSK/Carl Schulze)

Seit rund zehn Jahren verfügt auch die Bundeswehr über ein solches System, das sich offiziell aber noch nicht in Nutzung befindet. Die Division Schnelle Kräfte (DSK) nutzte und testete das SLG Sys jetzt anläßlich der Übung Green Griffin 2019. Die Systemeinführung findet dabei in enger Kooperation mit der Wehrtechnischen Dienststelle für Luftfahrzeuge und Luftfahrtgerät der Bundeswehr (WTD 61) in Manching statt. Derzeit verfügt die Bundeswehr über eine einstellige Stückzahl, der Bedarf liegt bei rund 100 Systemen. Beim Hersteller Airbus hat das System die Bezeichnung ParaLander L1000, die Nutzlast liegt bei 1.000 kg. Neben dem SLG Sys 1.000 kg hat Airbus ein 300 kg-System entwickelt und zusammen mit der Bundeswehr getestet. Pläne für 3.000 kg und 5.000 kg-Systeme liegen laut Hersteller vor. Derzeit werden aber eher kleinere Systeme mit weniger Nutzlast in den Bereichen um 400 kg und 250 kg gefordert. Vor allem für die Versorgung von Spezialkräften (KSK), Fernspähern oder abgesetzten Trupps in schwierigem Gelände (z.B. Gebirgsjäger).

Das System

Das Selbststeuernde Lastengleitschirmsysteme (SLG Sys) dient der autonomen Verbringung von Lasten bis ca. 1.000 kg aus höhen bis FL330. FL ist die Abkürzung für flight level (deutsch: Flugfläche). Da der Luftdruck sich örtlich und zeitlich ständig ändert, stellen alle Luftfahrzeuge ihre Höhenmesser ab einer bestimmten Höhe, auf denselben Druck ein. So werden Kollisionen verhindert, da alle denselben Sachstand haben. 330 heißt 33.000 Fuß, ca. 10 km, was sehr hoch ist. Laut Hersteller kann das System zwischen Höhen von 600 bis 10.000 m eingesetzt werden. In Deutschland wird das System aus einer deutlich geringeren maximalen Absetzhöhe eingesetzt, da die verfügbaren Sicherheitszonen die Absetzhöhe limitieren. Nach deutschem Recht handelt es sich um ein autonomes Luftfahrzeug der Klasse 1. Durch die geringere Absetzhöhe ist natürlich auch der Gleitweg und die Einsatzentfernung, die das System zurücklegen kann, deutlich verringert. Nach deutscher Klassifizierung darf das System derzeit nur in einem gesperrten Luftraum und über einem Bodensperrgebiet eingesetzt werden.

Fertig gepackte Last mit dem SLG Sys oben drauf. (Foto: DSK/Carl Schulze)

Das SLG Sys besteht aus drei Hauptkomponenten, dem Gleitschirm, der Steuereinheit und der Last. Eine integrierte Mechanik (Schwerkraftaktuatorik) ermöglicht eine sanfte Landung und reduziert damit erheblich das Risiko des Überschlagens der Last während des Aufsetzens. Dadurch können auch fragile und sensitive Nutzlasten verbracht werden. Die Mechanik und alle elektronischen Komponenten sind für den allwettertauglichen Einsatz ausgelegt.

Beim Gleitschirm handelt es sich um einen Ram-Air Schirm mit 19 Zellen, einer Fläche von 95 m2 und einer Spannweite von 17 m (SLG-Fallschirm von Brüggemann). Laut Airbus beträgt die horizontale Geschwindigkeit bei 1.000 kg Last 17 m/s. Das Absetzverfahren kann zwischen 60 und 150 Knoten durchgeführt werden, in Abhängigkeit vom Luftfahrtzeug. Alleine der Schirm bringt ein Eigengewicht von 30 kg mit sich. Hinzu kommt die Steuerungseinheit (AGU Steering Unit) mit einem Eigengewicht von 40 bis 70 kg, in Abhängigkeit von den verbauten Optionen. Sie ist die „Intelligenz“ des Systems und umfasst elektrische und mechanische Komponenten. Die AGU sorgt für die Steuerung über GPS und on-board Windkalkulation. Damit ist das System als UAV (Unmanned Aerial Vehicle) Klasse 1 qualifiziert. Als Optionen für die AGU bietet der Hersteller ein patentiertes Modul für sanfte Landungen (Flare) an, damit reduziert sich die Vertikalgeschwindigkweit bei der Landung auf 2,5 m/s. Weiter einen automatischen Modus für alternative Landezonen, ein „Homing Mode“ (der Landepunkt wird über Datenlink übertragen), eine manuelle Kontrolle (Fernbedienung), ein Transponder Verfolgungs- und Lokalisierungssystem sowie eine Qualifizierung als UAV Klasse 2.

Die Missionsplanung und das Verfolgungssystem laufen auf einem gehärteten Laptop mit Win XP (Missionsplanungsrechner, Rocky von roda computer GmbH), der unter anderem die Missionsplannungssoftware enthält. Diese kann auch die Luftfahrzeugbesatzung beim Absetzpunkt beraten, dazu wird das GPS-Signal verwendet. Gleichzeitig ist der Laptop die Bodenstation für die Mode-S-Transpondersignale zur Flugspurüberwachung. Die Verwendung der Fernsteuerung erfolgt laut Hersteller über UHF/VHF Datenlink.

Um das SLG Sys bereits vor dem Absetzen mit dem benötigten GPS-Signal zu versorgen, wird ein sogenanntes Re-Radiation-Kit in das Absetz-Luftfahrzeug eingerüstet. Dieses überträgt das GPS-Signal von außen ins Inneres des Flugzeuges. Der Einsatz des SLG Sys ist aber auch ohne das Kit möglich.

Einsatzverfahren

Die Bundeswehr packt ausschlißlich die Last. Diese ist in ihrer Höhe beschränkt und beim Zusammenstellen muss extrem auf die Lastverteilung und damit den Schwerpunkt geachtet werden. Der Schirm wird ausschließlich industrieseitig gepackt, bei Brüggemann. Die Steuereinheit wird bei Airbus in Manching vorbereitet. Die Bundeswehr und ihre Schirmpacker haben keine Lizenz/Zertifizierung dafür. Der reine Packvorgang des Lastengleitschirms dauert ca. 2 Stunden. Hinzu kommt die Wartung der Steuereinheit und das Verbinden der beiden Komponenten miteinander. Das fertige SLG Sys wird dann angeliefert und nur noch mit der Last verheiratet. Dies erfolgt durch die Soldaten der Fallschirmgeräteumschlagzüge in den Fallschirmjägerregimentern. Laut deren Aussage benötigt ein eingespieltes Team rund 20 Minuten um Last und Schirmsystem miteinander zu verbinden.

Die Soldaten verheiraten das SLG Sys mit der eigentlichen Last. Als Hilfsmittel muss ein Gabelstapler genutzt werden. (Foto: DSK/Carl Schulze)

Bei Green Griffin 2019 sollten vier Lasten über dem Trüppenübungsplatz Bergen-Hohne aus einer C-160 TRANSALL abgeworfen werden. Das schlechte Wetter verhinderte dies, der letzte Durchgang wurde im März diesen Jahres durchgeführt.

Ob das System wirklich jemals in Nutzung geht bleibt fraglich. Andere Nationen, z.B. die Niederländer, haben schon seit Jahren Systeme in Nutzung und in Einsätzen wie Afghanistan abgeworfen wurden. Die Division Schnelle Kräfte hat schon eine Initiative 250 kg geschrieben, die aber bereits wieder ausgesetzt wurde. Das neue System soll die Bezeichnung ALAG Sys (Autonomes Lasten Gleitschirm System) tragen. Derzeit wird eine Initiative für ein 350 kg System vorbereitet, auch das KSK ist an dieser Gewichtsklasse interessiert. Hier kommt unter anderem die DragonFly Familie von Airborne Systems in Frage, das unter anderem die Niederlande und Großbritannien nutzen. Zur Familie gehören unter anderem die Systeme MicroFly, FireFly, außerdem werden MegaFly und der GigaFly mit bis zu 20.000 kg entwickelt. Hinzu soll eine weitere Initiative für das ALAG Sys „Mittel“ mit einer Nutzlast von 1.000 kg. Dies wäre dann wie das SLG Sys, nur moderner. Zum Beispiel soll es einen „Follow Me“ Mode enthalten, um einem vorauseilenden Springer zu folgen. Auch soll ein 6.000 kg System von Interesse sein.

André Forkert