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Am 23. April wurde das U-Boot K-139 der Oscar II-Klasse auf den Namen „Belgorod“ in der Sevmash-Werft in der Nikolskoje-Mündung bei Severodvinsk, Russland, getauft. „Belgorod“ ist mit 184 m das längste U-Boot der Welt, die Verdrängung liegt bei 30.000 Tonnen (getaucht), womit sie die Atom-U-Boote (SSBN/SSGN) der russischen Typhoon- sowie die Ohio-Klasse der US-Marine übertrifft. 1992 bereits auf Kiel gelegt, dauerte seine Fertigstellung also ingesamt 27 Jahre. Im Jahr 2000, nach der Katastrophe mit dem Vorgängerboot K-141 „Kursk“ wurde der Bau für mehr als ein Jahrzehnt unterbrochen.

K-139 gehört zum Projekt 949A oder „Antey“, der 3. Generation russischer Atom-U-Boote. Von diesen zwischen 1982 und 1996 elf gebauten Schiffen sind noch acht in Nutzung, zwei wurden verschrottet, K-141 „Kursk“ sank im August 2000 in der Barentssee. Als zwölftes Schiff dieses für den Einsatz von Marschflugkörpern konzipierten U-Boot-Typs (SSGN) wurde K-139 für einen neuen Zweck mit modifiziertem Entwurf wiederbelebt, im Dezember 2012 als Projekt 09852 fortgesetzt und in ein „spezielles Forschungs- und Rettungs-U-Boot“ oder Multifunktions-U-Boot umgewandelt.

Der Bootskörper wurde um ein Dock für kleine und unbemannte Tauchfahrzeuge (z.B. UUV (Unmanned Underwater Vehicles) und U-Boot-Rettungsfahrzeuge) erweitert. Somit wird das ehemalige Angriffs-U-Boot nunmehr zum nuklearangetriebenen Mutterschiff für bis zu acht Unterwasserdrohnen. Sie soll Unterwasserausrüstung aussetzen und Kabelverlegungen bzw. -inspektionen durchzuführen. Dazu kann sie kleinere (autonome) Unterwasserfahrzeuge huckepack nehmen oder gar in sich aufnehmen. Am Schiffsbauch lässt sich das autonome Unterwasserfahrzeug HARPSICHORD 2P-PM andocken. Dort befindet sich auch eine Station zum Mitführen von U-Booten bis zu 70 m Länge (einschlägige Kreise erwähnen die Projekte 18511 und 10831 (LOSHARIK), beides bis zu 1000 m Tauchtiefe einsetzbare, mit mehreren Roboterarmen ausgestattete nuklearangetriebene Tiefseetauchgeräte, die im Aussehen an die russische KILO-Klasse erinnern).

Nach neuesten Erkenntnissen wird eine der Hauptaufgaben der Transport und Einsatz von POSEIDON sein. Diese neue Waffe wurde durch Vladimir Putin in seiner Rede zur Lage der Nation bereits am 1. März 2018 angekündigt. Damals forderte er noch zur Beteiligung an der Namensgebung auf.

Mit einer „interkontinentalen“ Reichweite von fast 10.000 km bei einer Höchstgeschwindigkeit von ca. 100 km/h (54 Knoten) ist POSEIDON, wie die Waffe jetzt genannt wird, in der Lage, seine Ladung über sehr große Entfernung ins Ziel zu bringen. Basierend auf vermutlich absichtlich geleakten technischen Zeichnungen und der Auswertung einiger vom russischen Verteidigungsministerium veröffentlichten Testbildern, misst POSEIDON etwa 24 m Länge und 1,6 m Durchmesser. Die Skizzen zeigen einen Gefechtskopf von etwa 4 m Länge und einem Durchmesser von 1,5 m, die Angaben zur Sprengkraft reichen von 2 bis zu 100 Megatonnen. Die „Belgorod“ soll über sechs solcher POSEIDON verfügen. Inwieweit eine Wiederbeladung möglich ist (was (eine) weitere Chargierung(en) bedingen würde), ist zurzeit nicht bekannt.

Neben dem Einsatz von POSEIDON wird Aufklärung ein maßgeblicher Bestandteil seiner Aufgaben. Die kursierenden Skizzen zeigen die Vorrichtung für ein Schleppsonar (towed array sonar). Zusätzlich wird wahrscheinlich HARMONY zum Einsatz kommen, ein Sensornetzwerk zur U-Boot-Detektion, dass das russische Militär in der Arktis stationieren will – ähnlich wie das SOSUS-Sonar-Netzwerk der U.S. Navy.

„Belgorod“ kann Sensoren unter Eis ausbringen und seine UUV bzw. das mitgeführte Gerät einsetzen, um Sensoren, die von Unterwasser-Atomgeneratoren angetrieben werden, zu platzieren. Bilder zeigen zudem eine Art Schleppausrüstung, vermutlich um Unterwasserkabel zu legen. Außerdem sind Stellen zu erkennen, die die Nutzung von Jetpropellern vermuten lassen, die das Boot auch in engen Verhältnissen manövrieren lassen, oder um es für Präzisionsarbeiten auf Position zu halten. Die Tauchtiefe soll ca. 520 m (1.700 Fuß) betragen.

Wie bei den anderen Aufklärungsschiffen, sollen Führung und operativer Einsatz durch Glavnoye Upravlenie Glubokovodsk Issledovanii (GUGI), die weitgehend geheim operierende Hauptabteilung für die Unterwasserforschung innerhalb des Marineführungsstabes im Verteidigungsministerium, erfolgen. Wegen seiner strategischen Bedeutung ist denkbar, dass das operative Kommando über „Belgorod“ direkt im Kreml, also beim Präsidenten liegt.

Mit POSEIDON verspricht sich Russland die Stärkung seiner Zweitschlagskapazität. Mögliche Ziele sind Trägergruppen sowie küstennahe Infrastruktur. Im März 2018 hatte Wladimir Putin die russische und die Weltöffentlichkeit über seine Pläne zur Stärkung der russischen militärischen Reaktionsfähigkeiten als Antwort auf amerikanische Stationierungspläne in Polen und Rumänien informiert. Dabei ließ er mehrere Videos über neuartige Waffensysteme zeigen – so auch von dem jetzt unter der Bezeichnung POSEIDON genannten Torpedo. Ein Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums bestätigte im März 2019 Journalisten gegenüber, dass die Tests mit POSEIDON erfolgreich abgeschlossen wären. Die Ausbildung des Personals des Trägerfahrzeuges sei abgeschlossen (Anmerkung: Die Besatzungsstärke soll sich auf 25 belaufen). Russischen Medien zufolge soll die Erprobungsphase im Jahre 2019 abgeschlossen werden, so dass mit einer Indienststellung durch die Marine im späten 2020 gerechnet werden könne.

„Belgorod“ - Russlands neues U-Boot mit Atomtorpedos
„Belgorod“ - Russlands neues U-Boot mit Atomtorpedos

Analysten spekulieren, ob ein weiteres OSCAR II Klasse Schiff ebenfalls umgebaut werden soll, oder ob die „Belgorod“ das einzige Boot seiner Art bleibt. Auch herrschen noch Unklarheiten hinsichtlich der Bezeichnungen und Kategorisierung. POSEIDON wird auch unter dem Codenamen KANYON oder als STATUS-6 geführt – mal als Torpedo und mal als Unterwasserdrohne. Ähnlich ist die Lage bei den Tiefsee-UUV. Hier werden sowohl LOSHARIK als auch PALTUS als auch beide Optionen geführt, wobei PALTUS auch als HALIBUT bezeichnet wird. Einschlägige westliche Fachkreise differieren teilweise von jenen aus anderen Weltregionen.

Sowohl zum Gesamtprojekt wie zum Supertorpedo verbleibt eine Portion Skepsis. Zu den beträchtlichen Herausforderungen wird der Entzug vor feindlicher Aufklärung bei einem derartig großen Waffensystem gehören. Auch sind die Anforderungen an Führungsfähigkeit, gerade im Fall eines derart weit operierenden Torpedos mit nuklearem Potential von elementarer Bedeutung, weil man unter Umständen den Angriff abbrechen oder einen Zielwechsel vornehmen möchte.

Seine verheerende Wirkung bei seinem Einsatz in Küstennähe ist besorgniserregend. Neben den unmittelbaren Trefferwirkungen sind Sekundärwirkungen durch Tsunamis denkbar – hier sei an Fukushima erinnert.

Letztendlich eröffnet eine derartige Waffe auch ein neues Kapitel im Nuklearwaffen-Kontrollregime.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion erfuhr der Bau strategischer U-Boote aus budgetären Gründen einen Einbruch. Infolge des „Kursk“-Zwischenfalles stagnierte Entwicklung und Bau erneut. Mit den Projekten 955 (BOREI-Klasse) und 885 (GRANEY-Klasse) liefen seit 2008 wieder nuklearangetriebene SSBN (BOREI) und SSGN (GRANEY) zu, wobei deren Baunummer 1, die „Sewerodwinsk“ von der Kiellegung 1993 bis zum Stapellauf in 2010 einige Zeit abzusitzen hatte. Ihre Indienststellung erfolgte im Sommer 2014.

Russland schlägt mit einem derartigen Untersee-Mutterschiff ein neues Kapitel in der Marineseekriegführung auf. Technologische Vorteile sprechen nicht mehr in dem Maße wie bisher für U-Boote. Hinzu kommen die Fortschritte in den Techniken und Methoden der U-Boot-Bekämpfung. Einsatz von Big Data, die Zusammenführung einer Vielfalt von Sensoren, die, um nur ein Beispiel aufzugreifen, in der Lage sind die von U-Boot-Reaktoren freigesetzte Strahlung zu erfassen, erfordern neuen Ansätze. Gleichzeitig wird es teurer, die U-Boote leiser zu machen bzw. besser zu tarnen. U-Boote, die in den Tiefen oder gar nah am Meeresgrund verweilen können und dort operieren, können sich der Entdeckung entziehen. Gelänge gar der Waffeneinsatz, etwa per POSEIDON, erführe die traditionelle maritime Kriegführung unter Wasser einen Paradigmenwechsel. Das Prinzip nuklearer Abschreckung ebenfalls.

André Forkert und Hans Uwe Mergener