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Verschiedene Rüstungsprojekte, Einsatzbedingter Sofortbedarf und teilweise Modernisierungen bzw. Anpassungen an besondere Einsatzzwecke haben den infanteristischen Werkzeugkasten der Bundeswehr reichhaltiger und spezifischer, aber mitunter auch unübersichtlicher gemacht. Neue Beschaffungen stehen an. Angepasste Konzepte sollen den Bestand harmonisieren.

Grundsätzlich gilt: Der infanteristische Werkzeugkasten reicht vom Kampfmesser bis hin zum schultergestützten Lenkflugkörper. Handwaffen und Panzerabwehrhandwaffen befähigen Infanteristen und abgesessen operierende Kräfte, Ziele auf Entfernungen bis hin zu 2.000 Metern zu bekämpfen. Hinsichtlich der Handwaffen, die im Mittelpunkt dieses Artikels stehen, arbeiten namentlich das Planungsamt und das Referat K6.2 des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) derzeit an einer weiteren Harmonisierung. Dabei kommt der Systemgedanke künftig noch stärker zum Tragen: Das System Handwaffe besteht aus der Basiswaffe und Ergänzungssätzen. Diese können sich je nach vorgesehener Nutzung oder auch truppengattungsspezifisch unterscheiden. Zu den Ergänzungssätzen gehören Zieleinrichtungen (mechanisch und optisch), Anbaugeräte wie Laser-Licht-Module, Schalldämpfer, Granatwerfer oder das Bajonett. Zum System Handwaffe gehören weiterhin die entsprechende Peripherieaustattung (z. B. Trageriemen, Magazine, Magazintaschen, Umtarnfarben), die Munition, die Logistik (Verwaltung, Ersatzteile, Instandsetzung) und last but not least die Ausbildung.

Schießen mit MG5 und G27 bei einer Übung (Foto: Bundeswehr)

Der Anteil Munition für Handwaffen ist derzeit ebenfalls im Umbruch. Einsatz- und Ausbildungserfordernisse haben hier bereits zu zahlreichen spezifischen Lösungen geführt. Weitere Herausforderungen, welche sowohl rechtliche Aspekte (Stichwort: REACh), Temperaturstabilität in allen Klimazonen, Wirkungsforderungen und veränderter Ausbildungsbedarf betreffen, sind es wert, der Munition in Kürze einen eigenen Artikel zu widmen.

Pistolen und Maschinenpistolen

P1 und P7 gehen bzw. sind aus der Nutzung, P8 (im Bild) und P30 gehören derzeit zur Ausrüstung der Spezialkräfte. (Foto: Bundeswehr)

Die Pistole hat als Backup-Waffe in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Intensivere Ausbildung erhöhten die Schussbelastungen merklich, was zu Verschleiß und Schäden führte. Im Rahmen von Regenerationsmaßnahmen wurden daher die Pistolen P8 zur verstärkten Version P8A1 aufgewertet.
Die vornehmlich von Personenschützern genutzte Griffspannerpistole P7 wurde bereits durch die P30 (ohne manuelle Sicherung) abgelöst. Diese Waffe wird auch bei den Spezialkräften verwendet, wie auch die für Schalldämpfer vorbereitete P12 im Kaliber .45. Alle genannten Pistolen stammen von Heckler & Koch. Hinzu kommt ebenfalls bei den Spezialkräften noch die P9A1 alias Glock 17 Gen 4.

Die Glock 17 ist als P9A1 in der Bundeswehr in Nutzung. (Foto: Jan-P. Weisswange)

Für die einst von Walther gelieferte Pistole P1 liegt ein querschnittlicher Nutzungsverzicht vor. Sie findet künftig nur noch im protokollarischen Dienst Verwendung. Exoten bleiben die Unterwasserpistole P11 sowie die als P21 katalogisierte Walther PPK in 7,65 mm x 17. Von letztgenannter gibt es noch im Militärattachédienst Bestände. Derzeit befindet sich die Funktionale Fähigkeitsforderung für die neue Pistole querschnittlich in Arbeit. Über dieses Projekt wird in besonderer Weise den veränderten Einsatzerfordernissen Rechnung getragen und die Zahl der Kurzwaffen wird sich vermutlich signifikant erhöhen. Unabhängig von der Pistole querschnittlich soll darüber hinaus ein System Pistole Spezialkräfte beschafft werden. Dieses Projekt wird auf die besonderen Anforderungen von Spezialkräften an Kurzwaffen zugeschnitten sein und sich von der Pistole querschnittlich unterscheiden – beispielsweise im Hinblick auf die Zurüstungsmöglichkeit von Optiken oder Schalldämpfern oder auf eine höhere Magazinkapazität.

Kampfschwimmer mit G36K und MP7 (rechts) (Foto: Bundeswehr/Carsten Vennemann)

Maschinenpistolen schließen die Lücke zwischen Pistole und Gewehr. Derzeit befinden sich in der Bundeswehr MP2 (Uzi), MP5 und MP7 in verschiedenen Ausführungen in Nutzung. Die MP7 soll demnächst in weiteren Umfängen beschafft werden und die MP2 ersetzen. In diesem Zuge soll auch hier das Harmonisierungskonzept aus Basiswaffe mit Ergänzungssätzen umgesetzt werden.

Sturmgewehre

Mit dem Vorhaben System Sturmgewehr Bundeswehr läuft derzeit ein auch in der Öffentlichkeit viel beachtetes Rüstungsprojekt im Bereich der Handwaffen. Darüber, welche Hersteller mit welchen Waffen sich im Rennen um die zukünftige Standard-Handwaffe befinden, herrscht von offizieller und industrieller Seite verständlicherweise aus vergaberechtlichen Gründen Stillschweigen. Eine Auswahlentscheidung dazu wird noch in diesem Jahr erwartet.

G95K und Laser-Licht-Paket bei der Einsatzprüfung heiß/trockenen in Yuma/Arizona (USA) (Foto: BAAINBw)

Zunächst bleibt das Gewehr G36 in seinen verschiedenen Ausführungen das querschnittliche Sturmgewehr der Bundeswehr. In der Truppe finden sich die Ausführungen G36A0 bis G36A4 bzw. die Kurzversionen G36kA1 bis G36kA4. Die A3- bzw. kA3-Ausführungen gehören zum Rüstsatz des Soldatensystems Infanterist der Zukunft – Erweitertes System (IdZ-ES). Die A4-Varianten entsprechen den A3-Versionen weitgehend, verfügen aber nicht über die Push-to-Talk-Tasten des IdZ-ES. Im Rahmen der Instandhaltung werden zur Obsoleszenzbeseitigung unter Anlegung eines strengen Maßstabs defekte G36 auf den Rüststand A4 gebracht, welcher sich dank verstellbarer Schulterstütze und diverser Adaptionsschnittstellen auf der Gehäuseoberseite und am Handschutz durch bessere Anpassbarkeit der Waffe an die Ausrüstung sowie höhere Modularität auszeichnet. Überlegungen zur Ablöseplanung mit den Möglichkeiten der Herauslösung bzw. Verwendung der Bestände G36 befinden sich derzeit in Erarbeitung.

G36A3, Bestandteil des Infanterist der Zukunft – Erweitertes System (Foto: Jan-P. Weisswange)

Unabhängig vom System Sturmgewehr Bundeswehr lief das Vorhaben Sturmgewehr Spezialkräfte. Kommando Spezialkräfte (KSK) und Kampfschwimmer erhalten beginnend in der ersten Jahreshälfte 2019 das neue G95K Sturmgewehr Spezialkräfte, leicht. Dabei handelt es sich um das Heckler & Koch HK416A7 im Kaliber 5,56 mm x 45 mit 14,5“-Lauf (368 mm). Das G95K kann zugleich als anschauliches Beispiel für den Systemgedanken dienen, da die insgesamt 1.745 Sätze in unterschiedlicher Zusammenstellung an die Kommandosoldaten und die Kampfschwimmer ausgeliefert werden. Die Kampfschwimmer werden ein Aimpoint-Rotpunktvisier nutzen, während die KSK-Operators ein Eotech-Reflexvisier mit Vergrößerungsnachsatz erhalten. Alle erhalten das Laser-Licht-Paket von Rheinmetall.
Als Sturmgewehr Spezialkräfte schwer (7,62 mm x 51) befindet sich weiterhin eine Kurzversion des G27 in niedriger dreistelliger Stückzahl unter der Bezeichnung G27k im Zulauf.

Zielfernrohrgewehre und halbautomatische Scharfschützengewehre

G27P im Einsatz bei Spezialkräften (Foto: Bundeswehr/Martin Stollberg)

Das G27 alias HK417 in normaler Länge hat die Bundeswehr in zwei unterschiedlichen Varianten beschafft: als Unterstützungswaffe Spezialkräfte (G27P, Präzision) mit einem Schmidt & Bender 1,5-6×20-Zielfernrohr für die Spezialkräfte sowie als Einsatzbedingten Sofortbedarf (ESB) im Rahmen der G36-Zwischenlösung als G27 mit der querschnittlichen Zieloptik 4x30i und aufgesetztem Reflexvisier RSA-S von Hensoldt.
Derzeit gibt es Überlegungen, im Zuge der Harmonisierung mit dem Zulauf des neuen Standardgewehrs das G27 als querschnittliches Zielfernrohrgewehr (Designated Marksman Rifle, DMR-Rolle) einzusetzen – möglicherweise mit einem Patrouillen-Zielfernrohr, wie es jetzt in Gestalt des Schmidt & Bender 1-8 x 24 PM II Short Dot Dual CC als Ergänzungssatz Patrouillenkonfiguration für das G28 beschafft wird.

Das neue Schmidt & Bender 1-8×24 PMII Short Dot Dual CC aus dem Ergänzungssatz Patrouillenkonfiguration (Foto: Jan-P. Weisswange)

Eine solche neue Rolle des G27 als Zielfernrohrgewehr würde es wiederum erlauben, das ebenfalls im ESB beschaffte und seit Mai 2012 in der Truppe befindliche halb-
automatische G28 künftig als das einzusetzen, was es de facto ist: ein halbautomatisches Scharfschützengewehr, welches dann in die Scharfschützenzüge kommen könnte – beispielsweise als Bewaffnung für den Spotter. Beim G28 erfolgt darüber hinaus eine Satzanpassung. Für die Basiswaffe sollen künftig die Ergänzungssätze Nachtsicht, Wärmebildgerät, Patrouillenausstattung und Zubehör zur Verfügung stehen.
Das in der Vergangenheit unterbrochene Projekt G26 Scharfschützengewehr kurze Reichweite für Spezialkräfte/Feldjäger – eine Präzisionswaffe im Kaliber 7,62 mm x 51 – wurde zwischenzeitlich neu aufgesetzt und soll in absehbarer Zeit umgesetzt werden.

Scharfschützengewehre

Die derzeit im Bestand befindlichen 780 Scharfschützengewehre G22 und G22A1 im Kaliber .300 Winchester Magnum (7,62 mm x 67) werden bis auf Weiteres in Nutzung gehalten und durch den Hersteller Accuracy International und dessen deutschen Behördenvertrieb Pol-Tec zur Variante G22A2 im Zuge von notwendiger Obsoleszenzbeseitigung umgerüstet. Im Zuge dieser Modernisierung erfolgt u.a. eine Harmonisierung der optischen Ausstattung: So wird das G22A2 das Steiner Military-Zielfernrohr MX5i 5-25 x 56 mit dem TReMoR-3-Absehen erhalten. Dieses ist auch auf dem bei den Spezialkräften eingesetzten Scharfschützengewehr G29 alias C.G Haenel RS9 im Kaliber .338 Lapua Magnum (8,6 mm x 70) montiert.

G22A2 mit Steiner Military 5-25 x 56 (Foto: Accuracy International)

Bedingt dadurch, dass die 300 Winchester Magnum bei Reichweiten jenseits von 1.000 Metern mit der aktuell genutzten Munition an ihre Grenzen stößt, wird auch für die regulären Scharfschützen ein neues Gewehr in einem Kaliber, welches eine effektive Einsatzreichweite gegen Personenziele von bis zu 1.500 Metern aufweist, betrachtet. Das leistungsfähige Kaliber soll die Infanterie dazu befähigen, beispielsweise feindliche sMG-Trupps (schweres Maschinengewehr), die mit .50er MGs Schussentfernungen von ca. 1.200 m erreichen, effektiv und punktgenau bekämpfen zu können.
Die Funktionale Fähigkeitsforderung für das neue Gewehr wird nach ES&T-Informationen derzeit erarbeitet und soll in der ersten Jahreshälfte 2019 fertiggestellt werden. Hierbei wird man sich vermutlich von den bisherigen Erfahrungen mit dem G29 leiten lassen, und aus unterschiedlichen Gründen könnten Lösungen mit verschiedenen Kalibern untersucht werden. So ließen sich mit der Möglichkeit zum Wechsel von .338 auf kleinere Kaliber wie .300 Winchster Magnum oder gar .308 Winchester (7,62 mm x 51) Schießbahnen mit geringeren Gefahrenbereichen nutzen bzw. die Schützen gewichtsoptimiert und missionsgerecht ausstatten. Weiterhin können gerade mit .308 auch auf kürzere Distanzen Schießfertigkeiten wie die Berücksichtigung der Winddrift besser trainiert werden als mit der in diesen Entfernungsbereichen weniger anfälligen .338. Daher liegt es nahe, dass für das neue Scharfschützengewehr auch Wechsellösungen untersucht werden. Man könnte die Vorteile im Ausbildungsbetrieb und im Einsatz im urbanen Gelände mit geringen Einsatzreichweiten mit Kalibern 7,62 mm abdecken. Somit wäre eine Ausbildung deutlich günstiger und umfangreicher möglich, da man das kleinere Kaliber auf jeder Schießbahn der Bundeswehr nutzen kann. Als technische Lösung für dieses Konzept bietet die Industrie zwei unterschiedliche Möglichkeiten: entweder ein Multikalibersystem mit Wechselläufen, -verschlüssen und -magazinen oder einen Satz mit identisch zu bedienenden Waffen in den geforderten Kalibern.

Maschinengewehre

Die Bundeswehr unterteilt ihre Maschinengewehre in fünf unterschiedliche Produktklassen: leicht, mittel, mittel hohe Kadenz, schwer und schwer Spezialkräfte.
Das auf dem MG42 basierende Rheinmetall MG3 feiert dieses Jahr seinen 50. Geburtstag in der Truppe. Da die Produktion bereits in den 1970er Jahren eingestellt wurde, ist beabsichtigt, im Zuge von Regenerationsmaßnahmen etliche Tausend neue Gehäuse fräsen (!) zu lassen. So soll das bewährte Universal-MG in 7,62 mm x 51 mit der hohen Kadenz von 1.200 Schuss/Minute vor allem auf Gefechtsfahrzeugen als Fliegerabwehr-, aber auch als Blenden-MG mittelfristig noch in Nutzung bleiben. Die entsprechenden Waffen werden die Bezeichnungen MG3A0A1 für die infanteristische Variante bzw. MG3A1A1 für die Einbauwaffe tragen.

Prototyp des MG3A0A1 (Foto: Rheinmetall)

Die unterschiedlichen Varianten von MG4 (5,56 mm x 45) und MG5 (7,62 mm x 51) werden ebenfalls harmonisiert. Neben dem ursprünglichen MG4 gibt es noch die Version A1 (Einbauwaffe Schützenpanzer Puma), A2 (IdZ-ES), und A2A1 (Infanterie, ohne IdZ-ES-Ausstattung). Künftig soll es eine Waffenfamilie bestehend aus der Infanterie-Version MG5A2 und den beiden neuen Maschinengewehren Klasse leicht MG4A3 und MG4kA3 geben. Diese Familie zeichnet sich durch hohe logistische Gleichheit (123 Übernahmeteile) und gleichartige Bedienbarkeit und gleiches Sicherungskonzept aus.

Leichtes Maschinengewehr MG4A3 (Foto: BAAINBw)

Im Zuge der Modernisierungen des Schützenpanzers Puma ist es vorgesehen, die dort verbauten MG4A1 durch MG5A1 zu ersetzen. Das MG5A1 lässt sich ebenso auf den fernbedienbaren Waffenstationen FLW100 und in den mechanischen Lafetten KMW1530 integrieren. Für das MG5A2 werden zudem Adapter eingeführt, um es auf den MG3-Lafetten infanteristisch einsetzen zu können.
Als weiteres neues Maschinengewehr läuft aktuell das MG6 zu. Dabei handelt es sich um die von Dillon Aero hergestellte M134D, eine Gatling-Mehrrohrwaffe in 7,62 mm x 51 mit sehr hoher Kadenz. Das MG6 wird bei den Spezialkräften als Bewaffnung auf Fahrzeugen, Festrumpfschlauchbooten und im leichten Unterstützungshubschrauber H145M zum Einsatz kommen.

Ausblick

Schießausbildung im Gebirge mit dem G29 (Foto: Bundeswehr/Jana Neumann)

Die individuelle Bewaffnung stellt eine Schlüsselgröße militärischer Kampfkraft dar. Nach der Implementierung und Fortschreibung des neuen Schießausbildungskonzeptes zeigt die Bundeswehr mit dem neuen Harmonisierungskonzept ihrer Handwaffen, dass sie grundsätzlich auf der Höhe der Zeit ist. Es wird im Weiteren darauf ankommen, die neuen Konzepte in der Truppe weiter mit Leben zu füllen und – wenn nötig – fortzuentwickeln.
Dabei darf die logistische Betrachtung in allen ihren Facetten nicht zu kurz kommen, da die materielle Einsatzbereitschaft von Handwaffen, auch unter Einsatzbedingungen, primär durch das Waffenfachpersonal der Bundeswehr sicherzustellen ist. Eine weitere Spreizung des Waffenmixes führt somit auch automatisch zu gesteigerten personellen Anforderungen in Qualität und Quantität in allen militärischen Organisationsbereichen.

Autoren: Dr. Jan-Phillipp Weisswange und Waldemar Geiger

Dr. Jan-Phillipp Weisswange ist Referent Öffentlichkeitsarbeit in der Wehrtechnischen Industrie. Dieser Beitrag gibt seine persönliche Meinung wieder.