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Die umfangreichen Beschaffungsprogramme zur Erneuerung der Ausstattungen für die Streitkräfte in aller Welt setzen bevorzugt auf eingeführte und daher ausgereifte Technik. Der immer mehr zunehmende Wust an Vorschriften und Regeln muss durchbrochen werden, um das benötigte Material schnell verfügbar zu machen. Dies sind zwei Erkenntnisse von der IQPC veranstalteten International Armoured Vehicles Conference 2019, auf der sich Ende Januar in London rund 600 Experten zum Informationsaustausch zusammen gefunden haben.

Vortragende aus den Streitkräften stellten ihre Organisationen und Doktrinen, Erkenntnisse aus Einsätzen sowie Modernisierungs- und Beschaffungsprogramme vor. Die Industrie präsentierte Lösungsansätze und -vorschläge in Vorträgen und einer begleitenden Ausstellung. Die Ausstellung war gleichzeitig Kristallisationspunkt für Diskussionen, die sich aus den über 70 verschiedenen Vortragsthemen ergaben.

Der eigentlichen Konferenz war ein Schwerpunkttag für Instandhaltung, Modernisierung und Betrieb vorgeschaltet. In zwei parallelen Vortragsreihen erläuterten militärische Führer zahlreicher Streitkräfte aus aller Welt Aspekte aus dem Betrieb ihrer Fahrzeugflotten und die Industrie hatte Gelegenheit, Lösungen für ausgewählte Aufgaben zu präsentieren.

Die Hauptkonferenz wurde von General Sir Adrian Bradshaw moderiert. Hochrangige Kommandeure aus der NATO stellten Anforderungen an moderne Ausrüstung für Bodentruppen vor. Entscheidend sei auch für Gefechtsstände höherer Ebenen die Reduzierung des logistischen Fußabdrucks und der Signatur. Unsichtbarkeit sei das bedeutende Ziel, auch zu erreichen durch Verzicht auf ausgedehnte Technik. Die Truppe müsse in die Lage versetzt werden, ihre Waffen jederzeit an jedem Ort wirksam zum Einsatz bringen zu können. Die Refokussierung auf das intensive Gefecht erfordere die schnelle Ausstattung der Truppe mit adäquatem Gerät in ausreichender Stückzahl.

Gepanzertes Transportkraftfahrzeug GTK Boxer

Einen besonderen Fokus erhielt das Gepanzerte Transportkraftfahrzeug GTK Boxer für das die OCCAR, die NSPA, die Nutzernationen Australien und Litauen und der Hersteller ARTEC einen Überblick über das Beschaffungsprogramm und die Nutzung gaben. Die OCCAR beschafft die Fahrzeuge im Auftrag der Nutzernationen (nicht für Australien) bei der ARTEC, dem Joint Venture von Rheinmetall und Kraus-Maffei Wegmann + Nexter Defence. Heute sind 716 GTK Boxer in 14 Versionen bestellt. Deutschland hat ein zweites Los mit 131 Gruppentransportfahrzeugen Boxer A2 und Litauen als neuer Kunde 89 Infanterie- und zwei Fahrschulfahrzeuge bestellt. In diesen Tagen ist der 500. Boxer vom Band gelaufen.

Darüber hinaus laufen Verkaufsverhandlungen für 48 Boxer für Slowenien und mehr als 500 Fahrzeuge für Großbritannien. In Deutschland besteht weiterer Bedarf an Boxern als Träger für eine schwere Waffe für den Infanterieeinsatz und für die Luftverteidigung mit einer Stückzahl in der Größenordnung von 90. Die Niederlande haben einen Bedarf von fünf Fahrzeugen und zusätzlichen Ausbildungsausstattung angemeldet.

Damit ergibt sich insgesamt ein absehbares Produktionsvolumen von deutlich über 1.500 Fahrzeugen, das den Boxer zu einem der erfolgreichsten 8×8-Radfahrzeug-Programme macht. Die NATO Support and Procurement Agency (NSPA) erwartet bis 2.000 Fahrzeuge, für die sie Unterstützung im Betrieb leisten kann.

Kampffahrzeuge der nächsten Generation der U.S. Army

Die U. S. Army erneuert in den nächsten Jahren ihre Flotte an Kampffahrzeugen. Um die Entwicklungs- und Beschaffungsvorhaben zu beschleunigen, hat die U.S. Army im letzten Herbst das Army Futures Command (AFC) gegründet, in dem acht Cross Functional Teams (CFT) als Team of Teams die Arbeit der Projektteams koordinieren. Eines davon ist das Next Generation Combat Vehicle (NGCV) CFT, das für die Army die Lücke in den domänenübergreifenden Fähigkeiten reduziert oder schließt. Dem AFC dient das CFT als primärer Integrator für alle unterstützenden Analysen, Modellierungen, Simulationen und technischen Demonstrationen. Der NGCV CFT-Direktor synchronisiert im Auftrag des AFC den Prozess zum Aufbau von Fähigkeiten und überführt die von der Army-Führung genehmigten Fähigkeiten schnell in das Beschaffungssystem der Army.

Dem NGCV CFT sind fünf Projekte zugeordnet. Joint Light Tactical Vehicle (JLTV), Armored Multi-Purpose Vehicle (AMPV), Mobile Protected Firepower (MPF), Optionally Manned Fighting Vehicle (OMFV), Robotic Combat Vehicle (RGV) und die Future Decisive Lethality (OMT/NGT) mit der Nachfolgeregelung für den Kampfpanzer Abrams. Ziel ist es, schnell Kampffahrzeuge einzuführen, die die Leistungsfähigkeit der eingeführten Fahrzeuge bei geringerem Fahrzeuggewicht und mit verringertem logistischen „Footprint“ übertreffen. Dabei soll für Operationen in zukünftigem Gefechtsumfeld bei zunehmender Bedrohung eine langfristige Überlegenheit erreicht werden.

Aktiver Schutz

Zum Schutz vor raketengetriebenen Hohlladungsgeschossen sind Aktive Schutzsysteme das Mittel der Wahl. Mit Rafael und Rheinmetall Active Protection (RAP) waren zwei renommierte Hersteller für aktive Schutzsysteme (Active Protection System, APS) auf der IAV vertreten. Rafael stellte das bereits in die Truppe eingeführte – und im Kamp erprobte – Trophy vor, das zurzeit in US-Kampfpanzer Abrams integriert wird. Deutsche Kampfpanzer Leopard 2 werden demnächst mit Trophy ausgestattet. 2022 sollen die ersten für den nachfolgenden Einsatz bei VJTF nutzbar sein. RAP wird sein ADS noch in diesem Jahr auf dem Stryker der U. S. Army integrieren und Tests unter Einsatzbedingungen in den USA durchführen. Für die Nutzer ist die Betriebssicherheit der APS von höchster Bedeutung: Das System muss bei erkannter Bedrohung sicher auslösen, aber auch nur dann. Dies stellt hohe Anforderungen an die Software. Rafael berichtete von bis zu zwei großen Software-Updates pro Jahr.

Die Komplexität und die hohe Zuverlässigkeit fordern aber auch ihren Preis. Als Größenordnung wurde eine Summe von einer Millionen Euro pro Fahrzeug genannt.

Weitere Entwicklung

Die Entwicklung gepanzerter Fahrzeuge geht nur langsam voran. Schließlich sind komplexe Geräte zu konstruieren, zu erproben und zu produzieren, die in schwierigem Umfeld sicher funktionieren müssen. Nicht zuletzt müssen sie auch den umfassenden und nicht immer kohärenten Vorgaben, Vorschriften und Regeln folgen, deren Umfang immer weiter zunimmt. Die Beschleunigung dieser Prozesse, die zurzeit eher in Jahrzehnten als in Jahren gemessen werden, ist Anliegen der meisten Akteure in der Rüstungs-Community. Durch ihren Blick von außen und den Informationsaustausch auf fachlich hohem Niveau leistet die International Armoured Vehicles Conference dazu einen Beitrag.

Gerhard Heiming

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