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Im SIPRI Rüstungsexport-Ranking weit hinten abgeschlagen, verfügt Österreich dennoch über eine leistungsfähige und innovative Rüstungsindustrie, welche, Presseberichten zufolge, bezogen auf die Einwohnerzahl mit den Umsätzen der deutschen Rüstungsindustrie mithalten und je nachdem, welche Aspekte eingerechnet werden, diese sogar überflügeln kann. Darunter sind auch einige Weltmarkt-/ bzw. Technologieführer.

Mit dem Ende des Kalten Krieges befanden sich viele österreichische Rüstungsunternehmen in einer ähnlichen Lage wie die restliche Rüstungsindustrie in Europa. Die heimischen Kunden – nationale Streitkräfte und Sicherheitsorgane – reduzierten ihren Bedarf. Um weiterhin erfolgreich sein zu können, mussten Exportmärkte als neue Absatzfelder erschlossen werden. Auch wenn das österreichische Bundesheer in der Bevölkerung der Alpenrepublik hoch angesehen ist, wird seitens der Politik wenig bis keine Unterstützung für die heimische Rüstungsindustrie gewährt. Ähnliche Hilfen bei der Erschließung von neuen Märkten, wie sie beispielsweise die französische oder britische Rüstungsindustrie erhalten, wird man in Österreich nicht finden.

Dem gegenüber ist besonders im infanteristischen Spektrum der österreichische Fußabdruck auf dem Weltmarkt beachtlich groß. Die Produkte und Leistungen der österreichischen Industrie werden auch in der Bundeswehr seit geraumer Zeit genutzt und geschätzt. So sind beispielsweise Glock 17 Pistolen als P9A1 seit 2014 bei den Spezialkräften der Marine im Einsatz. Neben der jahrzehntelangen Erfahrung im Bau von Einsatzpistolen und der weiten Verbreitung der Glock Pistolen im Kaliber 9 x 19 mm bei Spezialkräften weltweit, hat die Unterwasser-Kampffähigkeit sowie die Salzwasserbeständigkeit der Pistolen den Ausschlag zur Beschaffung der P9A1 gegeben.

Weiterhin hat die Bundeswehr zur Sicherstellung der Mörserkomponente bei der Quick Reaction Force in Afghanistan (ISAF) 2008 kurzfristig entschieden, 120-mm-Mörsermunition von Hirtenberger in Kooperation mit Diehl Defence als Überbrückungslösung zu beschaffen, da die eigene Munition überlagert und somit nicht mehr voll einsatzfähig war.

Glock

Einsatzpistolen aus Deutsch-Wagram, dem Firmensitz von Glock, erfreuen sich einer weiten Verbreitung. Spezialkräfte und auch komplette Truppenkörper von dutzenden Streitkräften, vertrauen auf Glocks als Einsatzpistole der Wahl.

Glock 17 Pistolen sind als P9A1 seit 2014 bei den Spezialkräften der Marine im Einsatz (Foto: Bundeswehr / Matthias Letzin)

Daneben zählen Sicherheitsbehörden, aber auch Sportschützen und Jäger zur weltweiten Kundschaft von Glock. Insbesondere der große Erfolg am US-Zivilmarkt lässt bei Glock eine enorme Economy of Scale zu. Mit der über die Jahre aufgebauten Produktionskapazität können auch große Behördenaufträge in Bestellgrößen von hunderttausend Pistolen und mehr in wenigen Monaten abgearbeitet werden. Behördenaufträge haben dabei immer Vorrang gegenüber Lieferungen in den Zivilmarkt.

Da die Bundeswehr in naher Zukunft sowohl die P30 beim Kommando Spezialkräfte, als auch die querschnittlich eingeführte Pistole P8 der Streitkräfte ersetzen will, wird derzeit eine Ausschreibung vorbereitet, welche im Laufe des Jahres 2019 erwartet wird. Unklarheit herrscht derzeit noch, ob beide Pistolen durch ein einziges Folgemuster ersetzt werden oder es zu zwei separaten Ausschreibungen kommen wird.

Auch in Deutsch-Wagram wird diese Ausschreibung mit Spannung erwartet. Richard Flür, Vertriebsleiter International bei Glock, zählt mehrere Aspekte als Vorteile von Glock auf.

Als Spezialist im Pistolenbau mit einer unerreichten Fertigungstiefe in seinen Werken in Deutsch-Wagram und Ferlach kann man sich voll und ganz auf die Weiterentwicklung eines über Jahrzehnte perfektionierten Systems  konzentrieren. Der dafür notwendige Aufwand, alle Komponenten im Haus zu produzieren, zahlt sich langfristig aus. Entwicklungs- und Herstellungsprozess werden zu hundert Prozent beherrscht, fortlaufende Prozesskontrolle wird groß geschrieben und ist Flürs Angaben nach einer reinen Eingangskontrolle von zugekauften Komponenten überlegen, was sich in der hohen Kundenzufriedenheit vieler Langzeitkunden widerspiegelt.

„Mundgeblasene und handgeklöppelte Prototypen“, die als Testmuster in Ausschreibungen abgegeben werden, sich in der Serie im Anschluss aber nicht mehr wiederfinden, gibt es seinen Angaben nach bei Glock nicht. Alle Testmuster haben die gleichen Eigenschaften, die zu den zugesagten Konditionen auch in Serie produziert werden. Qualitätssicherung wird groß geschrieben, daher hat man seiner Aussage nach auch keine Probleme mit der Abnahme der Serie durch den Kunden. Im Gegensatz zum Wettbewerb werden die Serienwaffen in der vereinbarten Zeit, der vereinbarten Leistung und auch zum vereinbarten Preis ausgeliefert.

Hirtenberger

Hirtenberger Defence verfolgt die Strategie, das komplette Segment der Mörserei abzudecken. Neben Waffenanlagen in der kompletten Kaliberbandbreite ist man in der Lage, auch passende Feuerleitlösungen und alle passenden Munitionssorten zu liefern.

Technologisch tritt man sowohl als sogenannter „First“ als auch als „Follower“ auf. So wurde beispielsweise die vorfragmentierte Mörsermunition nicht in Österreich erfunden, doch hat man es in Hirtenberg mittels der ConFrag-Technologie (kontrollierte Fragmentierung) geschafft, eine deutliche wirkungsgesteigerte Munition zu entwickeln, welche gleichzeitig nur mit geringen Preisaufschlägen versehen ist und somit dem Credo Rechnung trägt, dass Mörser in erster Linie ein günstiges Waffensystem darstellen sollen.

„First“ ist man dagegen auf dem Gebiet der Digitalisierung der Mörserwaffe. Mit dem GRAM (Grid Aiming Mode) hat man nicht nur eine Technologie geschaffen, welche einen Commando Mörser in die Lage versetzt, schneller präzisere und wenn nötig auch indirekte Feuerunterstützung liefern zu können. In einem nächsten Schritt kann die gleiche Technologie auch auf großkalibrige Mörser skaliert und dazu genutzt werden, auf- und abgesessene Mörser in Führungsinformationssysteme zu integrieren. Das Ganze ist Herstellerunabhängig und nebenbei auch für bereits seit Jahrzehnten in Nutzung befindliche Systeme möglich.

Die Sprengpatrone DM11 A6 (links im Bild) durfte im Einsatz nur zu Übungszwecken genutzt werden. Für den Einsatz während der Missionen wurde kurzfristig die Hirtenberger SprGr 78 (rechts im Bild) beschafft.
(Foto: QRF1 / Stollenwerk)

Weiterhin verweist Carsten Barth, Geschäftsführer bei Hirtenberger Defence, besonders darauf, dass man in der Lage ist, auch Kleinserien wirtschaftlich zu produzieren. Daneben führt er aus, dass das Produkt Mörser samt der dazugehörigen Munition recht simpel ist, die Technologie dahinter ist es nicht. So sorgen beispielsweise immer strengere Umweltauflagen und sonstige Verordnungen dafür, dass für die Produktion notwendige Komponenten verboten werden. Das Unternehmen muss aber dennoch in der Lage sein, innerhalb kurzer Zeit Alternativen zu erarbeiten und diese in die Serienproduktion zu integrieren. Man ist daher stolz auf dieses Know How und diese Fähigkeit. Auch große Rüstungskonzerne gehen daher immer wieder Kooperationen mit Hirtenberger ein und lassen einzelne Munitionssorten oder Komponenten aus Hirtenberg in Ihre eigenen Produkte einfließen.

Da derzeit in der Bundeswehr sowohl Ausschreibungen für die Umlaborierung der überlagerten 120-mm-Mörsermunition als auch für einen 60-mm-Mörser samt Munition laufen, versucht auch Hirtenberger in Kooperation mit Diehl Defence wieder einen Fuß in die Mörserei der Bundeswehr zu bekommen. Da Litauen und die Niederlande als enge Partnernationen der Bundeswehr derzeitig Munition und Waffenanlagen von Hirtenberger nutzen, könnte der Rückgriff auf gleiche Systeme die Interoperabilitätsfähigkeit der Bundeswehr in diesem Bereich deutlich steigern.

Nutzen für die Bundeswehr

Die genannten Beispiele zeigen den hohen technologischen Stand der österreichischen Hersteller für die Infanteriebewaffnung. Diese konnten sich über die Jahrzehnte, trotz mangelnder Unterstützung seitens der heimischen Politik, auf dem Weltmarkt etablieren. Sollten sich die Produkte im Wettbewerb durchsetzen, könnte in Zukunft auch die Bundeswehr von dieser Kompetenz profitieren.

Waldemar Geiger

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